Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Totsein

Vorarlberg / 03.11.2015 • 18:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Mann lag auf seinem Sterbebett, sein blasser Kopf auf dem Kissen sah friedlich aus. Seine Familie stand um ihn herum, stumm war sie und betroffen, manchmal hörte man einen leisen Seufzer. Der Sterbende öffnete seine schweren Augenlider und schaute um sich. Alle waren sie gekommen, seine Exfrau mit den gemeinsamen Töchtern, seine Ehefrau mit den gemeinsamen Söhnen. Sie wollten sich von ihm verabschieden, so, als ginge er auf eine große Reise. So, als wollten sie ihn fragen, hast du auch alles, was du brauchst, deine Kreditkarte, Ausweis und auch warme Sachen, man weiß ja nie, wie die Temperatur dort sein wird. Der Sterbende hob seine Hand und winkte seiner Frau, die zuvorderst stand, und sie beugte sich zu ihm nieder.

„Mein Liebster“, sagte sie, „es wird alles gut.“

„Warst du schon dort?“, fragte er. Er wirkte lebendiger als zuvor, hatte seinen alten Witz wiedergefunden.

„Sag meiner Exfrau, sie soll an mein Bett treten!“ Die Exfrau mit ihren Töchtern stand ganz hinten an der Tür. Sie wollte sich nicht aufdrängen, sich nicht in die neue Familie drängen.

Das Gesicht der Frau verfinsterte sich, aber sie ging doch zu ihrer Vorgängerin und schob sie an das Bettende.

Der Sterbende winkte: „Kommt näher, die Mädchen auch.“

Die Mädchen wirkten schüchtern, die Jüngste war noch nicht zehn, sie schmiegte sich an ihre Mutter.

„Ich bitte dich um Verzeihung“, sagte der Sterbende. „Ich habe dir Unrecht getan, habe dich sitzen lassen mit unseren drei Kindern. Kannst du mir denn vergeben?“

Tränen rannen der Frau über das Gesicht, sie kam näher und drückte seine Hand, nicht zu fest, die Hand war kalt und knochig. Sie nickte, nickte ein paar Mal, die Töchter legten ihre Hände auf die Decke, dort wo sein Herz war, und schlugen die Augen nieder. Dann traten sie zurück.

Nun setzte sich wieder seine Frau auf den Bettrand, schließlich war das ihr Thron, und sie schaute triumphierend in die Runde.

Der Sterbende sagte zu ihr: „So, und jetzt bring uns eine Flasche vom spanischen Wein und Gläser.“

Die Frau starrte ihn an: „Du darfst keinen Alkohol trinken.“

Da lachte der Sterbende: „Wenn nicht jetzt, wann dann? Weißt du, ob es drüben spanischen Wein gibt?“

Die Frau stand auf und brachte das Gewünschte. Ihre Söhne verteilten die Gläser, die Frau schenkte ein. Drei Flaschen mussten geöffnet werden, bis alle Gläser voll waren. Sie reichte ihm ein Glas.

„Warum bekomme ich weniger als ihr alle?“, fragte er. „Mir steht doch am meisten zu, schließlich ist es mein letztes Mal.“

Sie schenkte ihm nach.

Nacheinander kamen sie an sein Bett und prosteten ihm zu.

„Auf meinen Tod“, sagte er, trank und sank in sein Kissen.

Drei Flaschen mussten geöffnet werden, bis alle Gläser voll waren.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.