Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Der Ton

Vorarlberg / 04.11.2015 • 19:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wir sollten uns zusammensetzen, sagt Frau Ammann, die moderaten Kräfte an einen Tisch. Die Töne werden rauer, bis in die Kanzlerbüros befetzen sich die Leute. Zukunftssorgen überall, Parameter der Demokratie werden plötzlich hinterfragt, sagt sie und auf den Straßen Europas wird der Ruf nach radikalen Lösungen immer lauter. Ich tu’ mir schwer, ihr zu widersprechen. Die vermeintlichen Retter, die ihre „Lösungen“ aus der Hüfte schießen, sind an ihrer Sprache zu erkennen. Sie übernehmen den Sound, der den höchsten Brüllfaktor bietet, getreu dem Kalkül, erst mal Instinkte zu bedienen. In Umbruchzeiten treten zuerst die Hetzer auf den Plan, sie sind lauter, nicht weiser, als die andern.

Frau Ammann klappt ihren Laptop auf, um mir auf YouTube die neuesten, haarsträubenden Donald-Trump-Sager zu zeigen – most idiotic moments … und wir wundern uns gemeinsam, wie ein Milliardär, der seine soziale Gewissenlosigkeit wie eine Monstranz vor sich herträgt, ausgerechnet bei der männlichen Arbeiterschaft (!) der beliebteste Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden konnte. Seht her Jungs, ich bin eine kulturlose Dumpfbacke und habe es trotzdem geschafft.

Trump triumphiert als konzeptloser Rabauke. Genauso wenig würde man das wirre Gewäsch von Pegida, AFD und sonstigen Rechtsaußen in Europa für erfolgsträchtig halten. Das verführerische Element ist offensichtlich der Ton ihrer Sprache. Die rotzlöfflige Unverschämtheit, die verletzende Direktheit ihrer Parolen, die Frust und Hass derer, die sich als Verlierer unseres Systems fühlen, am treffendsten definieren. Der Ton ist es, der diejenigen verführt, die sich einfache Formeln wünschen.

Selbst auf höchstem Managerlevel entlarvt die Sprache den Geist. Der deutsche Michael Horn, US-VW-Chef, bei seiner „Dieselgate“-Beichte vor amerikanischen Kunden: „In my german words … we have totally screwed up“, auf gut deutsch, wir haben’s verschissen: O-Ton eines Weltmarktführers. Atemberaubende Nonchalance, die nur aus einer Machthybris gedeihen kann, die sich für unverwundbar hält.

Der Kapitalismus hat über den Kommunismus gesiegt, ja, Gott sei Dank, die Verelendung der Massen fand nicht statt. Aber als das herzlose Kapital in der Siegeseuphorie den Turbo zündete, hat es auch den Kopf verloren.

Trump triumphiert als konzeptloser Rabauke.

reinhold.bilgeri@vorarlbergernachrichten.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.