„Das Problem ist nicht gelöst“

06.11.2015 • 19:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nenzings Vizebürgermeister Herbert Greussing (4. v. l.) war bei der Räumung dieses Roma-Lagers dabei. hrj
Nenzings Vizebürgermeister Herbert Greussing (4. v. l.) war bei der Räumung dieses Roma-Lagers dabei. hrj

Roma-Lager Beschling geräumt. Stüttler und Fritsche im Einsatz gegen Armut im Land.

Heidi Rinke-Jarosch

NENZING, SCHWARZACH. Kein Zelt steht mehr. Die Feuerstellen sind eingestampft, der Müll ist weggeräumt. Der Wald der Agrargemeinschaft Beschling ist sauber. Die letzte der Roma-Familien, die aus der Turnhalle einer Mittelschule in Bludenz ausziehen mussten und in den kleinen Wald in Nenzing-Beschling zurückgekehrt waren, hat am vergangenen Montag das Lager verlassen.

Wohin die Roma gezogen sind und wie viele das Angebot der unterstützten Heimkehr durch Land und Gemeinden angenommen haben, weiß Herbert Greussing (62) nicht. Der Vizebürgermeister von Nenzing war in letzter Zeit oft in den zwei Lagern in Beschling – er vertrat die Agrargemeinschaft – und auch bei der Räumung anwesend. „Mir war der anständige, menschliche Umgang mit den Roma sehr wichtig“, sagt Greussing. „So hat es keine Probleme gegeben.“ Dies auch Dank der ehrenamtlichen Mitarbeiterin von „Tischlein deck dich“, Sabine Vonbank, die fast täglich den Familien in diesem Lager geholfen hat.

Ein bisschen geschlaucht sei er, sagt Elmar Stüttler. Die vergangenen Wochen, in denen er sich vornehmlich für die Roma-Familien eingesetzt hatte, waren für den 63-jährigen Obmann von „Tischlein deck dich“ ziemlich stressig. Jetzt konzentriert er sich wieder auf die Aufgabe seiner Hilfsorganisation. „Es gibt so viele Menschen in diesem Land, die unsere Hilfe brauchen“, sagt Stüttler. Zurzeit ernährt „Tischlein deck dich“ über 4300 Bedürftige, darunter etwa 2700 Flüchtlinge.

Papst spricht zu Roma

Natürlich helfe er den Roma trotzdem weiterhin. „Vor Ort in Rumänien. Das haben wir ihnen versprochen.“ Am 25. November fahren zwei Mitarbeiter von „Tischlein deck dich“ mit einem mit Hilfsgütern beladenen Bus nach Rumänien, um zurückgekehrte Roma mit Lebensmitteln und Kleidung zu versorgen.

Hier in Österreich hätten die Roma nur eine Chance, wenn sie arbeiten und sich integrieren würden, sagt Stüttler. „Es ist aber schwierig, jahrhundertealte Traditionen einfach aufzugeben“, gibt er zu bedenken, weist aber auf den Aufruf von Papst Franziskus an die Roma (und Sinti) anlässlich einer internationalen Wallfahrt hin, sich stärker in die Gesellschaft zu integrieren: „Wie alle Bürger könnt ihr zum Wohlstand und Fortschritt der Gesellschaft beitragen, indem ihr die Gesetze respektiert, eure Pflichten erfüllt und euch durch die Emanzipation der neuen Generation inregriert. (…) Die Zeit ist gekommen, um seit Jahrhunderten bestehende Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen auszumerzen, das oft die Basis von Diskriminierung, Rassismus und Xenophobie ist.“ Stüttler resümiert: „Ich hoffe, die Geschichte der Roma nimmt ein gutes Ende.“

Erschreckende Altersarmut

Auch Joe Fritsche (51) widmet sich inzwischen wieder vorwiegend seiner ursprünglichen Tätigkeit. Als Obmann der Hilfsorganisation „Stunde des Herzens“ ist sein Einsatz mehr denn je gefragt. „Das Problem mit den Roma ist nicht gelöst“, sagt er. „Für uns als kleine Organisation ist es sowieso nicht lösbar.“ Vor-Ort-Hilfsaktionen schließe er sich jedoch gerne an.

„Menschen aus bettelarmen Oststaaten werden sich auch in Zukunft auf den Weg Richtung Westen machen. Das müssen wir akzeptieren“, sagt Fritsche. „In ein paar Jahren könnte es sein, dass anstelle der Roma Einheimische vor den Supermärkten betteln. So etwas kann ganz schnell gehen.“ Denn die Armut, im Speziellen die Altersarmut, entwickle sich hierzulande erschreckend.

Vor-Ort-Hilfsaktionen schließen wir uns jedoch gerne an.

Joe Fritsche

Wir haben den Roma-Familien Hilfe in Rumänien versprochen.

Elmar Stüttler