Migranten fordern die Suchttherapie

06.11.2015 • 20:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Zudem bemängeln Experten einen unbefriedigenden Zugang zum System.

Frastanz. (VN-mm) Die Migration wird immer mehr auch in der Suchtarbeit ein Thema. Bereits 40 Prozent der Patienten im Suchtkrankenhaus Maria Ebene haben Migrationshintergrund. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung sieht Primar Reinhard Haller große Aufgaben auf die Suchtbehandlung zukommen. „Es wird wohl Therapeuten mit entsprechenden Sprachkenntnissen brauchen“, meint er.

Mangelndes Wissen

Noch besteht das Hauptproblem jedoch darin, dass diese Personengruppe keinen befriedigenden Zugang zum Therapiesystem hat. Zum einen fehle es am Wissen um das Angebot und oft auch am notwendigen Versicherungsschutz. Zum anderen gebe es speziell in der türkischen Bevölkerung ein großes Misstrauen gegenüber der Suchttherapie. So lassen sich laut den Erfahrungen von Haller etwa zehn Prozent der türkischen Suchtbetroffenen lieber in ihrem Heimatland behandeln.

Im Zeichen von Migration und Sucht stand auch das Symposium der Stiftung Maria Ebene am gestrigen Freitagabend, zu dem über 150 Personen nach Frastanz kamen. Primar Reinhard Haller erklärte in seinem Vortrag die vielfältigen Formen der Migration. „Sie ist mehr als die derzeitige Flüchtlingsbewegung“, betonte er. Migranten kommen, um zu bleiben. Das stellt auch die Suchtarbeit vor neue Herausforderungen.

Unkritischer Umgang

Denn es handelt sich oft um Menschen, die aus suchtarmen Gegenden stammen und erst hier mit der Sucht in Berührung kommen. Zum Teil würde die Sucht aber mitgebracht. Haller: „Die Spielsucht ist eindeutig importiert.“ Außerdem sind viele Migranten traumatisiert. Ihr Anteil wird von Experten auf 30 bis 50 Prozent geschätzt. „Diese Leute greifen vermehrt zu Suchtmitteln, aber eher im Sinne eines Selbstheilungsversuchs“, schildert Reinhard Haller seine Erfahrung.

Weniger Suchtprobleme, aber dafür ein unkritischer Umgang mit viel zu vielen Medikamenten, darunter auch Psychopharmaka, prägen das Bild bei den Frauen migrantischer Herkunft. Bei Flüchtlingen ist laut Haller zu beobachten, dass Höhergebildete kaum von Sucht betroffen sind. Weniger Gebildete hingegen würden sofort und exzessiv auf Alkohol und Heroin abfahren. Für die Suchtexperten stellt sich insgesamt die Überlegung, wie sie an jene herankommen, die Hilfe brauchen.

Flüchtlinge der Zukunft

Johannes Rauch, Leiter der Therapiestation Carina, ging am Beispiel von Afrika der Frage nach, warum Menschen flüchten. Dort sind rund 50 Millionen unterwegs. Rauch, der Hilfsprojekte in Tansania betreut, sieht in ihnen die Flüchtlinge der Zukunft. Armut und traumatische Kindheitserlebnisse jagen sie aus ihrem Heimatland. „Sie werden kommen, wenn vor Ort nichts mehr getan wird“, machte Rauch deutlich. Das gelte auch für die psychiatrische Versorgung. Da gibt es bislang so gut wie nichts.

Speziell in der türkischen Bevölkerung gibt es ein großes Misstrauen gegenüber der Suchttherapie.

Reinhard Haller