Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Tragödie und Farce

08.11.2015 • 19:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Lügen haben ein kurzes Gedächtnis. Aber macht uns Erinnerung klüger? Es gibt Tage, an denen einem schwindlig wird: von der Kluft zwischen all den guten Vorsätzen, aus der Geschichte „zu lernen“, und einer Realität, in der aus den Wunden, die ein Ereignis schlägt, aus Erinnerung und Trauma wieder nur der nächste Unsinn und manchmal Schlimmeres geboren wird. In Österreich ist der 9. November für die meisten Menschen ein Tag wie jeder andere. In Deutschland ist er Overkill des Gedächtnisses. An jenem Tag, an dem 1799 die Französische Revolution mit dem Staatsstreich Napoleons ihr Ende fand (und 1848 nach der Niederschlagung der Revolution in Wien Robert Blum erschossen wurde), riefen 1918 Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht gleich zwei deutsche Republiken an einem Tag aus. Fünf Jahre später wollten Adolf Hitler und seine Getreuen diesen schwarzen Tag der deutschen Nation ungeschehen machen und von der Republik zur Diktatur marschieren. Zwei Jahre später, wieder am 9. November, gründeten sie die SS. Und da man sich am 9. November 1938 wie jedes Jahr zum Gedächtnis der 1923 noch gescheiterten „nationalen Revolution“ versammelt hatte, bot diese Nacht sich schließlich an, die Hatz auf die Juden und ihre Gotteshäuser zu eröffnen.

Die DDR-Führung wiederum zeigte sich 1989 eher vergesslich, als Politbüro-Mitglied Schabowski mit seiner legendären Antwort auf eine Journalistenfrage zu den verkündeten Erleichterungen der Reisefreiheit – „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ – einen Sturm auf die Mauer lostrat.

Wenn HC Strache nun im November 2015 die Uhren wieder zurückdrehen möchte und sich an den Eisernen Vorhang als „Lösung“ der europäischen Flüchtlingsprobleme erinnert (wenn es nach der FPÖ geht wohl mit Schießbefehl und Todesstreifen), dann setzt er ganz bewusst auf das Vergessen, die Lüge mit den kurzen Beinen. Karl Marx schon wusste, als er über den 9. November (den „18. Brumaire“) schrieb: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Aber wenn es um den 9. November geht, dann weiß heute niemand mehr, ob aus einer Tragödie eine Farce wird, oder aus einer Farce eine Tragödie.

In Österreich ist der 9. November für die meisten Menschen ein Tag wie jeder andere. In Deutschland ist er Overkill des Gedächtnisses.

hanno.loewy@vorarlbergernachrichten.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.