Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Angriff

10.11.2015 • 19:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Folgendes wurde mir berichtet:

Ein junger Mann wird von seiner Exfreundin gewarnt, er solle mit dem Stalken aufhören. Die Frau hatte in Abständen E-Mails mit dem Absender des jungen Mannes erhalten. Er aber hatte ihr nie geschrieben. Im Weiteren stellte sich heraus, dass diese E-Mails an sämtliche Mailadressen des jungen Mannes gesendet worden waren. Also ein Irrtum? Lange geschah nichts. Dann kam von einem Mail-Server eine Warnung an seine Adresse, etwas mit seinem Programm sei schiefgelaufen, aber das könnte geändert werden, jetzt sofort. Der junge Mann blieb am Computer sitzen und wartete, was passieren würde. Er sah seinen Cursor hin- und herwandern, was ihn fertig machte. Dann ein Anruf. Gesprochen wurde Englisch. Es hieß, das Chaos auf seinem Computer könnte beseitigt werden, allerdings bräuchte man dazu einige Daten. Anstatt den Computer sofort abzuschalten, blieb der junge Mann auf seinem Platz. Es wurde viel geschrieben und erklärt. Obwohl er gut Englisch sprach, war er verwirrt und gab einige seiner Daten durch. Die Sache dauerte ein paar Stunden. Der junge Mann saß vor seinem Computer, und hinterher stellte er mit Entsetzen fest, dass von seinem Konto Geld abgehoben worden war, zwei Mal je fünfhundert Euro. Erst jetzt zog er den Stecker. Er rief seinen Bruder an, der sich über so viel Naivität nur wundern konnte. Was war geschehen, dass er das alles hatte mit sich machen lassen?

„Das Geld kannst du vergessen“, sagte der Bruder. „Melde den Angriff bei der Polizei und frage bei der Bank nach, ob eine Versicherung für den Schaden haftet, ich glaub’s nicht.“

Das mit dem Geld war ärgerlich, viel schlimmer allerdings war die Tatsache, dass das alles hatte passieren können, wo er normalerweise doch sehr geschickt in Computerdingen war. Was ihn so entsetzte, war der Angriff auf seine Person. Warum gerade ich? Es erinnerte ihn an einen Überfall im Stadtpark, er war damals nach einem Fest auf dem Nachhauseweg gewesen, da schlug ihm ein Mann ins Gesicht, er schlug und schlug weiter und schlug weiter, bis der junge Mann auf dem Kiesweg lag. Er hatte keine Wertsachen bei sich gehabt. Der junge Mann wachte im Krankenhaus wieder auf, der Täter wurde nie gefunden.

Das war es, was ihm bei dem Wort „Angriff“ in den Sinn kam. Sprachlos und verärgert über seine Naivität, nahm er sich vor, einen Karatekurs zu besuchen, vernünftig und hart wollte er werden.

Der junge Mann blieb am Computer sitzen und wartete, was passieren würde.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.