„Terroristen schänden Gottes Namen“

11.11.2015 • 19:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zekirjia Sejdini: Islam-Offenbarung immer wieder neu interpretieren.
Zekirjia Sejdini: Islam-Offenbarung immer wieder neu interpretieren.

Europa wird dem Islam entscheidende Impulse geben, nicht Saudi-Arabien, sagt Univ.-Prof. Zekirija Sejdini.

Bregenz. ™ Der Mann steckt voller gewagter Sätze. Fast zwei Stunden lang erörtert der islamische Theologe Zekirija Sejdini im Rahmen der Ökumenischen Gespräche das Verhältnis des Islam zur Gewalt.

Sejdini lehrt seit 2014 als Professor für islamische Religionspädagogik an der Uni Innsbruck. Den verrückten religiösen Überzeugungen der islamistischen Terroristen setzt er den Koran entgegen: „Wenn Gott allmächtig ist (Sure 59, Vers 24), die Menschen in bester Form erschaffen (32,7), ihnen Leben vom eigenen Geist eingehaucht (32,9), sie mit Würde (17,70) ausgestattet, sie als Stellvertreter (2,30) auf Erden eingesetzt, ihnen sowohl die gesamte Umwelt wie auch seine Botschaft anvertraut hat (33,72) und das zur Verwaltung dieser Geschenke notwendige Denkvermögen (39,9) und die Willensfreiheit (6,164) gegeben hat, dann steht es niemandem zu, in Gottes Namen dieses Vertrauen und das Interesse Gottes an den Menschen zu zerstören.“

Die Terroristen vom Zuschnitt des IS begehen in Sejdinis Augen „die größte Sünde. Sie sprechen sich göttliche Kompetenz zu.“ Die Radikalen glauben, die Wahrheit ließe sich besitzen. Damit machen sie Gott klein. Allah aber „hat die Vielfalt geschaffen. Auch die Möglichkeit, sich frei für oder gegen ihn zu entscheiden.“ Wer das negiere, schände den Namen Gottes.

Der Koran ist die wichtigste Quelle des Islam. Er ist für Muslime Gottes Wort. Und doch darf er interpretiert werden. „Schon Lesen und Verstehen ist Interpretation.“ Sejdini nennt den Koran lieber die „lebendige Kommunikation zwischen Gott und den Menschen“. Der Inhalt entstand sukzessive in 23 Jahren in Form eines Dialogs mit dem Propheten. Die mündliche Überlieferung wurde erst nach dessen Tod aufgeschrieben. Entsprechend umfangreich beinhalten die Koranwissenschaften „wenigstens 80 Disziplinen, die man kennen sollte“. Dass heute Unqualifizierte ohne Kenntnisse über den Koran sprechen und gehört werden, hält Sejdini für eines der größten Probleme. Denn die zentrale Frage, welcher Vers welchen aufgelöst hat und wie mehrdeutige Verse zu verstehen sind, wird dabei höchst eigenwillig beantwortet oder übergangen.

Erst wenn man den Koran im Kontext der Zeit seiner Verkündung liest, „dann geht es nicht mehr ums Händeabschlagen (Sure 5, 30), sondern um den Schutz von Eigentum“. Sejdini nennt es eine Pflicht für Muslime, die Offenbarung des Koran immer wieder neu zu interpretieren. Denn andernfalls würde das Buch „als Mittel zur Unmündigkeit missverstanden. „Wir müssen den Islam von der Gefangenschaft der Rückständigen befreien, um ihm seine eigentliche und konstruktive Rolle in der Gesellschaft zurückzugeben.“ Die entscheidenden Impulse werden seiner Ansicht nach in den kommenden 30 Jahren aus Europa kommen, nicht aus Saudi-Arabien.

Nächster Termin: Dienstag, 17. November, Prof. Susanne Heine (Wien), „Einander besser kennenlernen – interreligiöse Verständigung von Christen und Muslimen