„Nichts tun ist auch eine Schuld“

12.11.2015 • 20:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Pfarrer Michael Meyer und seine Frau Sylvie suchen für Sonia, Ionut und Raisa eine Wohnung im Raum Dornbirn. Foto: HRJ
Pfarrer Michael Meyer und seine Frau Sylvie suchen für Sonia, Ionut und Raisa eine Wohnung im Raum Dornbirn. Foto: HRJ

Evangelischer Kirchenvertreter schlägt Alarm. Roma-Paar mit Baby braucht Bleibe.

Heidi Rinke-Jarosch

dornbirn. „Ich werde nicht dulden, dass in diesem Land wieder Menschen vertrieben werden“, sagt Michael Meyer. Der 55-jährige evangelische Pfarrer stellt sich schützend vor Roma-Familien, die in ihr Herkunftsland Rumänien zurückgeschickt werden sollen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Sylvie betreut er das Roma-Paar Sonia (20) und Ionut (23), dessen Tochter Raisa am 31. Oktober im Krankenhaus Dornbirn als Frühchen zur Welt gekommen ist. Für diese Familie suchen die Meyers nun dringend eine Wohnung. Finden sie keine, „soll die Familie auseinandergerissen werden“, warnt der Pfarrer. Dann müsse Sonia mit dem Baby ins Kinderdorf Bregenz ziehen. Der Kindesvater darf nicht mit, er muss schauen, wo er bleiben kann.

„Ich habe große Angst, dass man uns Raisa wegnimmt“, sagt Sonia. Die junge Frau ist mit Ionut und dem Baby ins Pfarrhaus gekommen, um den Meyers von dem Besuch einer Sozialarbeiterin der Kinder- und Jugendhilfe zu berichten. Die Sozialarbeiterin habe gesagt, sie werde Sonia das Kind entziehen, wenn sie nach dem Spitalsaufenthalt keine Unterkunft nachweisen könne. „Falls es nicht klappt, für die Familie in den nächsten Tagen eine Wohnmöglichkeit zu finden, nehmen wir sie bei uns auf“, sagt der Pfarrer. Auch wenn man ihn seitens des Landes darauf hingewiesen habe, dass das aus Sozialversicherungsgründen nicht rechtens sei. „Vor 70 Jahren hat man sich in diesem Land strafbar gemacht, wenn man Juden untergebracht hat“, gibt der Pfarrer zu bedenken und fügt hinzu: „Nichts tun ist auch eine Schuld.“

Auch Sonias Eltern werden von dem Pfarrerehepaar unterstützt. Sie leben zurzeit in einem Wohnwagen, der auf dem Grund der Evangelischen Kirche parkiert. Laut Meyer darf der Camper bis Ende November dort stehen. Was passiert dann mit diesen Roma? Darauf gibt es keine Antwort.

„Menschen zweiter Klasse“

Kritik übt Meyer, der übrigens Mitglied der Armutsplattform ist, am Umgang der Verantwortlichen der Stadt Dornbirn mit den bettelnden Roma. Besonders stößt er sich am Inhalt der Website der Stadt Dornbirn über das Bettelwesen, in dem die Roma „tendenziell als vermüllte, lästige Menschen zweiter Klasse“ dargestellt würden. Diskriminierung stelle das, was dort publiziert werde, auf jeden Fall dar, ist für den Pfarrer klar. Ob das als Verhetzung gilt, müsste rechtlich geprüft werden.

„Die Bevölkerung kann jederzeit der Stadtpolizei oder der Bundespolizei Wahrnehmungen über unzulässiges Betteln zur Kenntnis bringen“, lautet ein Zitat im Leitfaden zum „Umgang mit Bettlern“ auf der besagten Website, das Hubert Lötsch, Obmannstellvertreter der Volkshilfe Vorarlberg und die ebenfalls Mitglied der Armutsplattform, aufgestoßen ist. Lötsch nennt das skandalös, dass hier zu Denunziantentum aufgerufen wird: „Ich habe das Gefühl, dass mit dieser Aufforderung sowie dem Camping- und Bettelverbot die Roma dazu hergenommen werden, ein Exempel zu statuieren.“ Es gebe andere Lösungen: „Zum Beispiel muss man Möglichkeiten schaffen, diese Menschen einigermaßen menschlich unterzubringen.“ Überhaupt betrachte die Volkshilfe die Entwicklung des Roma-Problems mit großer Sorge. „Die Politiker müssten viel mehr beschwichtigen und deeskalieren. Doch zurzeit passiert das Gegenteil.“

Ich habe große Angst, dass man uns Raisa wegnimmt.

Sonia C.

Wer eine Wohnung für die Familie hat, bitte melden. T. 069917136714