Die Medizin in Bürokratenhand

Vorarlberg / 15.11.2015 • 20:26 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ärztevertreter Michael Jonas spricht Klartext. Foto: VN/RP
Ärztevertreter Michael Jonas spricht Klartext. Foto: VN/RP

Ärztekammer sieht andere Schwierigkeiten als Politiker und Sozialversicherung.

dornbirn. (VN-mm) Wirklich glatt läuft es derzeit nicht zwischen Ärztevertretern, Land und Gebietskrankenkasse. Medizinische Entscheidungen werden von Bürokraten getroffen, kritisiert Ärztekammerpräsident Michael Jonas.

Ganz grundsätzlich: Seit die Gesundheitsreform auf Schiene ist, lehnt die Ärztekammer reflexartig alles ab, was aus dieser Ecke kommt …

Jonas: Wir lehnen nicht alles ab, was vorgeschlagen wird, sondern nur die Art und Weise. Es sind auch nicht nur die Überschriften relevant, sondern das, was dahinter verpackt ist. Dabei handelt es sich meist um Dinge, die die Situation nicht gerade ärztefreundlich weiterentwickeln.

Was wären das für welche?

Jonas: Zum Beispiel die geplanten Versorgungszentren. Wir lehnen sie nicht ab. Im Gegenteil. An der vernetzten Versorgung arbeiten auch wir schon seit Jahren. Dass dann jedoch versucht wird, Vertragsbedingungen so zu ändern, dass wir dagegen sein müssen, ist immer auch Strategie, um die Ärzte als Blockierer hinzustellen, was wir nicht sind. Alle Maßnahmen, die unlängst bei einer Pressekonferenz zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung als sehr positiv für die Landesregierung dargestellt wurden, haben wir erstritten. Hätten wir nicht mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Spitälern, aber auch im niedergelassenen Bereich weiterentwickeln, würde es ganz anders aussehen.

Fühlen Sie sich von der Präsentation der Studie ausgeschlossen?

Jonas: Nein, wir hätten die Studie nur gerne im Vorfeld mit den Verantwortlichen besprochen, weil Bürokraten die Schlüsse aus dem Ergebnis ziehen. Und das sind, wie schon in der Vergangenheit, falsche oder zumindest unzureichende Schlüsse.

Ist es um die Zusammenarbeit zwischen Land, GKK und Ärztekammer wirklich so schlecht bestellt, wie sich das anhört?

Jonas: Fakt ist, dass wir alles erstreiten müssen. Unsere Vorstellung wäre, dass eine gemeinsame Problemanalyse gemacht und dann eine gemeinsame Lösungsstrategie festgelegt wird. Alles andere bringt nur sinnlosen Energieverlust.

Wer hat diese Schnittstelle aufgebrochen?

Jonas: Ich habe den Eindruck, es handelt sich um ein Imageproblem der Politik. Sie verwenden jetzt alles, was wir erkämpft haben, um zu zeigen, wie gut ihre Leistung war. Ich gönne ihnen das. Wovor ich warne, ist, jetzt so zu tun, als gäbe es keine weiteren Probleme. Es ist auch nicht fair, sich alles auf die eigenen Fahnen zu heften.

Gibt es denn überhaupt noch regelmäßigen Kontakt?

Jonas: Der Kontakt mit der Gebietskrankenkasse klappt besser als mit dem Land. Letztlich werden Dinge ausgemacht, die nicht halten bzw. sie verlaufen im Sand. Ein Beispiel ist der neue Bereitschaftsdienst, der ohne uns verhandelt wurde. Er wird ohne uns aber nicht funktionieren.

Sollte dem neuen System nicht eine Chance gegeben werden?

Jonas: Das Problem ist die Absicht dahinter, ein Geschäftsmodell für das Rote Kreuz aufzubauen, während ein bestehendes System konkurriert wird.

Wer sagt das?

Jonas: Warum hat RK-Direktor Roland Gozzi dann den Auftrag erhalten? Wir haben das angesprochen, und die Antwort war: „Lassen wir es einmal laufen.“ Was soll ich dazu noch sagen?

Was halten Sie davon, die Wahlärzte gesetzlich an die Kandare zu nehmen, um sie stärker in das System einzubinden?

Jonas: Wir haben bis vor fünf Jahren bei fast jeder Honorarverhandlung versucht, die Wahlärzte für Allgemeinmedizin ins Bereitschaftsdienstmodell einzubauen, weil wir gemerkt haben, dass es aufgrund der Altersstruktur der Kollegen mühsam wird, eine Rund-um-die Uhr-Betreuung aufrechtzuerhalten. Das wurde von der GKK immer kategorisch abgelehnt. Jetzt von „Rosinenpolitik“ zu sprechen, ist blauäugig. Die Wahlärzte decken einen Bedarf ab, der den Patienten etwas wert ist. Wenn bei Wahlärzten nur ansatzweise rechtliche Schranken angedacht werden, sind sie weg. Die Schweiz ist noch immer ein Magnet.

Mit der Abwanderung ins Ausland zu drohen, klingt, als griffe man nach dem letzten Strohhalm in der Diskussion.

Jonas: Die Ärztekammer hat überhaupt kein Interesse daran, dass Ärzte ins Ausland abwandern, weil uns dann die Mitglieder fehlen. Wir brauchen einen bestimmten Mitgliederstand, um bestehende Pensionsvorsorgewerke abzusichern. Außerdem würde ohne Nachwuchs auch in der Ärztekammer vieles nicht gut funktionieren. Deshalb kämpfen wir dafür, dass es beruflich, wirtschaftlich und sozial für die Kolleginnen und Kollegen passt.

Wo liegen die wirklich großen Probleme?

Jonas: Wovor wir uns wirklich fürchten, ist der Rückgang bei den österreichischen Medizinstudenten. Die haben sich in den vergangenen 15 Jahren halbiert. Was dazu kommt, ist der steigende Frauenanteil. Der bringt auch Probleme mit sich. Nicht, weil es Frauen sind, sondern weil Familienplanung ein Thema ist und das Bestreben nach Teilzeitarbeit massiv zunimmt.

Die Landeskrankenhäuser reden von Ausbildungsverantwortung für den stationären wie niedergelassenen Bereich.

Jonas: Für mich ist das eindeutig eine Unvereinbarkeit, weil die Spitäler natürlich zuerst schauen, dass die eigenen Häuser gefüllt sind. Jeder einigermaßen geschickte Turnusarzt wird für das Fach gekeilt. Sie werden gebraucht und umworben. Da sind wir machtlos. Das nächste Problem: Die Allgemeinmedizin ist die einzige Disziplin, die ihre Leute nicht selbst ausbildet. Es gibt im Spital aber nicht wirklich eine Allgemeinmedizin.

Zur Person

Michael Jonas

Geboren: 1956

Wohnort: Dornbirn

Beruf: Internist, seit 2011 Präsident der Vorarlberger Ärztekammer