Mit dem Schicksal nicht allein

Vorarlberg / 16.11.2015 • 20:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Klaus, Roland, Manfred, Eva-Maria und Horst (v.l.) spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Foto: VN/Paulitsch
Klaus, Roland, Manfred, Eva-Maria und Horst (v.l.) spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Foto: VN/Paulitsch

Neuer Wohnbereich für jüngere, pflegebedürftige Menschen im Pflegeheim Birkenwiese.

Dornbirn. Eva-Maria (27) findet ihr neues Zuhause „spitze“. Früher wohnte sie im Heim unter alten Menschen. „Da hatte ich nicht viel Ansprache.“ Nun lebt sie mit jüngeren Menschen zusammen, die wie sie ein schweres Schicksal zu tragen haben.

„Hier wurde mir bewusst, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der einen Schicksalsschlag erlitten hat. Es tut gut, zu sehen, dass man nicht allein ist.“ Eva-Maria, die vor zwei Jahren von einem Lkw überfahren wurde und seither querschnittgelähmt ist, schätzt auch den Zusammenhalt in der Gruppe. „Wenn man Hilfe braucht, ist jemand da. Außerdem führen wir untereinander schöne Gespräche.“ Horst (56) fühlt sich in seinem neuen Heim auch wohl. „Das menschliche Umfeld passt“, streut er seinen Mitbewohnern und dem Pflegepersonal Rosen, „aber mir fehlen die Tiere.“ Der Dornbirner, der sich bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog, lebte, bevor er ins Heim kam, mit einer Katze und einem Hund. „Den Hund hatte ich 18 Jahre. Mit ihm bin ich viel durch die Welt gelaufen.“ Horst würde gerne wieder einmal mit einem Vierbeiner spazieren gehen, „am liebsten mit einem Schweizer  Sennenhund“. Sein Wunsch bleibt nicht ungehört. Schwester Silvia verspricht ihm, dass sie mit ihm einmal ins Tierheim geht.

Manfred (47) kann sich vorstellen, die beiden zu begleiten. Denn auch er mag Tiere. Aber noch mehr liebt er seine Musik. „Ich stehe auf Elvis, AC/DC und die Kastelruther Spatzen.“ Von letzteren hat er alle DVDs. Ein Konzertbesuch ist für ihn nicht möglich. „Unter vielen Menschen bekomme ich epileptische Anfälle.“ Manfred leidet an Mitochondriopathie. Die Erkrankung macht sich auch durch massive Schwäche bemerkbar. Der zweifache Vater hat die Hoffnung auf Genesung noch nicht aufgegeben.

„Gesund zu werden ist mein Traum.“ Aber oft bleiben Träume nur Träume. Manfred weiß das. Denn auch die Träume seiner Jugend gingen nicht in Erfüllung. Als junger Mann träumte er von einer Fußballerkarriere. „Mit 17 bekam ich ein Angebot von Austria Wien.“

Aber das Leben hatte anderes mit dem talentierten Kicker vor. Es zwang ihn, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Manfred hängt seinen Gedanken nach. „Ich wäre fast berühmt geworden“, platzt es dann aus ihm heraus. Sein Mitbewohner Roland (55) holt ihn in die Gegenwart zurück. „Komm‘ Manfred, wir spielen Mensch-ärgere-dich-nicht“, fordert er ihn zum Mitspielen auf.

Musste Träume begraben

Auch Roland musste sich dem Schicksal beugen. „Du musst dich damit abfinden und darfst nicht aufgeben“, sagt der gebürtige Tiroler, dem ein Bein amputiert werden musste. Er ist schon einen Schritt weiter als Klaus (49). Während Roland sich in seinem neuen Zuhause bereits „wie daheim“ fühlt, kämpft Klaus noch mit sich. „Ich lerne gerade zu akzeptieren, dass ich hier bin.“

Ein Oberschenkelhalsbruch raubte ihm seine Selbstständigkeit und brachte ihn ins Heim. Es war nicht das erste einschneidende Ereignis in seinem Leben. 1999 stellten Ärzte fest, dass er an Multipler Sklerose leidet. Acht Jahre später war der Jurist auf den Rollstuhl angewiesen. Wie Manfred musste auch Klaus Träume begraben. „Ich hätte mir so gern die Welt angesehen“, sagt er, und jetzt schimmern Tränen in seinen Augen.

Bei uns geht es sehr familiär zu. Wir sind wie eine Familie.

Silvia Doleschal