Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die Frau im Erdgeschoß

17.11.2015 • 17:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In unregelmäßigen Abständen sprach ich mit der Frau, die im Erdgeschoß wohnte. Sie war nicht gesellig und hielt den Kopf gesenkt. Meistens ging es darum, ob ich ihr etwas abnehmen könnte, sie war alt und schwach, und ihre Taschen waren schwer. Ich trug sie an ihre Eingangstür. Sie stand unschlüssig da und fragte, ob ich mit ihr einen Kaffee trinken wolle. Ich setzte mich in der aufgeräumten Küche auf den Stuhl und trank Kaffee aus einer Tasse, der war lauwarm und so dünn, dass man den Grund sah. Ich sagte etwas über das Wetter, sie blieb stumm. Wie mir vorkam, trug die Frau immer dasselbe Gewand, nicht das gleiche, ich nahm nicht an, dass sie ein paar verschiedene Kleider besaß, die haargenau gleich aussahen. Das Kleid der Frau war eine Art Mantelschürze. Als ich ihr die Hand reichte, berührte ich mit dem Finger den Stoff, und er fühlte sich an wie Gummi. Was, wenn dieses Kleid in der Wäsche war. Wartete sie dann in der Unterwäsche? Ich nahm an, dass die Frau von einer Mindestrente lebte. In ihren Taschen war abgepacktes Brot und Haltbarmilch. Sie kaufte auf Vorrat.

Einmal nahm ich mir ein Herz und läutete an ihrer Tür. Ich hatte beim Aufräumen ein sehr hübsches Kleid aus Baumwolle gefunden, eines mit Blumenmuster, und mir gedacht, das bringe ich ihr. Sie kann dann das alte in den Mistkübel werfen. Ich schlug es in Seidenpapier, band es aber nicht zu, es sollte nicht wie ein Geschenk aussehen. Sie öffnete, und ich reichte ihr das Kleid. Sie nahm es, murmelte etwas und schloss die Tür.

Wenige Tage später wäre ich beinahe mir ihr zusammengestoßen. Ich ging die Treppe hinunter, und sie kam herauf. Sie hatte das ausgepackte Kleid über dem rechten Arm hängen wie nach einer Anprobe. „Das will ich nicht“, sagte sie. „Das ist nicht neu. Das hat schon einmal eine Frau getragen.“ Ich nahm ihr das Kleid ab und entschuldigte mich. Wir sahen uns ab und zu wieder, sprachen aber nicht mehr miteinander.

Dann hielt sie mich eines Tages auf, sagte: „Wäre es möglich, dass ich mir das Kleid einmal ausborge. Ich muss zu einer Beerdigung.“ Ich nickte und sagte, ich werde es ihr am Abend vorbeibringen. Sie brauche es gleich, sagte sie. Ich sagte, besser wäre vielleicht ein schwarzes Kleid für diesen Anlass, ich hätte auch ein schwarzes. Sie aber wollte das Blumenkleid.

Ich sah sie eine Stunde später an der Bushaltestelle. Gut stand ihr das Kleid. Sie trug Patschen. Hatte sie vergessen, Schuhe anzuziehen? Ich wollte nicht, dass sie mich sieht.

Meine Absätze klopften auf dem Asphalt, ich fühlte mich unsicher, als wäre ich eine andere.

Wartete sie ­dann in der Unterwäsche?

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.