„Fühlen uns im Stich gelassen“

Vorarlberg / 17.11.2015 • 21:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sonia brachte Baby Raisa vor zwei Wochen zur Welt.  Fotos: hrj
Sonia brachte Baby Raisa vor zwei Wochen zur Welt. Fotos: hrj

Warum Sonia und Ionut nicht nach Rumänien zurückkehren können. Pfarrer sucht Wohnung.

Heidi Rinke-Jarosch

dornbirn. Pfarrer Michael Meyer (55) ist ein Mensch, der handelt. Am Dienstagvormittag ging er mit Sonia und Ionut C. zum Meldeamt Dornbirn, und ab heute, Mittwoch, wohnt das Roma-Paar mit seiner zwei Wochen alten Tochter Raisa im Haus der evangelischen Pfarrgemeinde. Des Pfarrers Frau Sylvie hat ein Zimmer zurechtgemacht.

Diese Entscheidung hat Pfarrer Meyer getroffen, nachdem eine Sozialarbeiterin der BH Dornbirn die 20-jährige Mutter im Krankenhaus besucht und gewarnt hatte, ihr das Kind wegzunehmen, wenn sie bei der Entlassung keine feste Bleibe nachweisen könne.

Zurückkehren nach Rumänien können Sonia und Ionut nicht. „In Rumänien hat diese Familie nichts und niemanden und somit keine Möglichkeit, irgendwo unterzukommen“, sagt Pfarrer Meyer.

Die Roma-Familie kommt aus Ploiesti, einer Großstadt im Süden Rumäniens mit 300.000 Einwohnern. Von der Flutkatastrophe vor fünf Jahren, bei der landesweit 21 Menschen starben, war auch die Gegend, in der die Familie eine Baracke bewohnte, betroffen. Die Baracke ist unbewohnbar geworden. Eine andere Wohnmöglichkeit fanden sie nicht. „Man sagte zu uns, wir haben keinen Anspruch darauf, weil wir Roma und keine Rumänen sind. Also blieb uns keine andere Wahl als zu gehen.“

Sie gingen nach Italien und blieben fünf Jahre. „Wir wohnten bei einem Pfarrer in Mailand“, erzählt Ionut. Er habe gearbeitet, alles Mögliche, und auf Mailands Straßen habe er als „lebende Statue“ Passanten bezaubert. Als der Pfarrer starb, verließ die Familie Italien und landete in Österreich.

Auch hier würde Ionut gerne arbeiten. „Alles, was man mit den Händen tun kann. Auch Schweres“, sagt er. Deutsch spricht Ionut noch wenig, Lesen und Schreiben kann er auch nicht. Noch nicht: Er hat Sylvie gebeten, ihm all das beizubringen.

Doch hierzubleiben ist mit enormen Schwierigkeiten verbunden. Eine ist laut Sylvie Meyer eine zunehmende Abneigung der Bevölkerung: „Immer öfter höre ich, diese Leute gehören weg, die machen nur Dreck und sind durch Betteln lästig.“  Auch werde fälschlicherweise noch immer von einem „fahrenden Volk“ gesprochen, sagt Sylvie. „Das sind die Roma nicht. Sie wollen sesshaft sein und ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen.“

Pfarrer Meyer findet das alles unerträglich: „Was wir hier erleben, ist eine Vertreibungssituation und Diskriminierung einer Ethnie“, kritisiert er. „Mit dem Bettel- und Camperverbot etwa hebelt man in Vorarlberg die europäische Gesetzgebung aus, die auch von Österreich ratifiziert wurde.“ Er habe übrigens bemerkt, dass „Gymnasialschüler, die kurz vor der Matura stehen, nicht fähig sind, die Roma differenziert darzustellen.“ Er unterrichtet an einem Dornbirner Gymnasium.

In der gleichen Lage wie Sonia und Ionut sind Sonias Eltern. Victoria und Carolea B. bewohnen zurzeit einen Camper hinterm Pfarrhaus. Bis Ende des Monats. Dann muss der Camper dort weg. „Das wird noch ein großes Problem“, befürchtet Meyer. „Darum suchen wir weiterhin dringend Wohnmöglichkeiten.“ Auch für Sonia, Ionut und Raisa. Denn auch das Zimmer bei den Meyers ist nur eine provisorische Lösung. „Ich bin mit der Notsituation der Roma permanent beschäftigt, nachdem ich einen Teil unserer privaten Wohnung als Unterkunft hergebe“, erklärt Meyer. „Ich mache das, um dieser Situation einen öffentlichen Charakter zu geben. Ich möchte mit meinem Vorgehen skandalisieren, was hier in Vorarlberg passiert.“ Zum Beispiel sei nicht ein Versuch unternommen worden, diesen Menschen wenigstens Container als Dach überm Kopf zur Verfügung zu stellen.

Bedrückendes Resümee

Pfarrer Meyer macht deutlich, er möchte alle repräsentieren, die hierzulande in ähnlichen Schwierigkeiten stecken wie die Roma. Aber nicht nur er, sondern zahlreiche Helfer seien im Land unterwegs, um den betroffenen Menschen zu helfen. „Doch von Stadt, Land und Staat fühlen wir uns im Stich gelassen.“ Ein bedrückendes Resümee.

Was wir hier erleben, ist eine Vertreibungssituation und Diskriminierung einer Ethnie.

Pf. Michael Meyer

Immer öfter höre ich, diese Leute gehören weg, die machen nur Dreck und sind lästig.

Sylvie Meyer
Michael Meyer (3.v.l.) und Sylvie (2.v.r.) zeigen Sonia und Ionut ihr neues Zimmer. Carolea und Victoria (l.) wohnen im Camper.
Michael Meyer (3.v.l.) und Sylvie (2.v.r.) zeigen Sonia und Ionut ihr neues Zimmer. Carolea und Victoria (l.) wohnen im Camper.

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