Keine Zeit für Abschied

Vorarlberg / 17.11.2015 • 19:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Sommer hofften die vier Isufi-Kinder noch, in Österreich bleiben zu können. Doch jetzt sind sie weg.  Foto: VN/stiplovsek
Im Sommer hofften die vier Isufi-Kinder noch, in Österreich bleiben zu können. Doch jetzt sind sie weg.  Foto: VN/stiplovsek

Trotz Widerstand zahlreicher Schüler wurde die Flüchtlingsfamilie Isufi abgeschoben.

Heidi Rinke-Jarosch

lauterach. Schock, Betroffenheit, Sorge. In der MS Lauterach herrscht Tiefstimmung. Direktorin Gabi Dünser musste ihren Schülern mitteilen, dass Familie Isufi wenige Stunden zuvor abgeschoben wurde. Mit Protestaktionen und eigens produzierten Videobotschaften hat eine große Anzahl von Schülern der MS Lauterach während des letzten Schuljahrs energisch darum gekämpft, die Abschiebung der Isufis zu verhindern. Denn zwei der vier Kinder, Aurite (15) und Riza (18), sind dort zur Schule gegangen. (Die VN berichteten mehrmals.)

In deren Herkunftsland, dem Kosovo, ist das Leben aller Familienangehörigen bedroht. Grund ist eine Familienfehde, die Blutrache fordert. Mit Blutrache sühnt die albanisch-stämmige Bevölkerung sowohl im Kosovo als auch in Albanien noch immer, obwohl diese Tradition in beiden Ländern verboten wurde.  

Als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention konnten die drei Erwachsenen und vier Kinder im Alter von drei bis 22 Jahren hier nicht anerkannt werden, doch subsidiären Schutz oder ein humanitäres Bleiberecht hätte ihnen gewährt werden sollen. Die Bundesbehörde BSA (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl) hat indes dagegen entschieden und die Abschiebung angeordnet.

Dienstagfrüh wurden die sieben Personen von Polizisten abgeholt, in das Anhaltezentrum Bludenz und von dort nach Wien verbracht. Per Flugzeug ging es dann weiter nach Pristina. Auf die Frage, was diesen Menschen im Kosovo geschehen wird, gibt es keine Antwort. Hier, in Vorarlberg, wollten die Isufis nur eines: leben dürfen.

Widerstand abgeprallt

Für Direktorin Gabi Dünser war es eine schwierige Aufgabe, ihre Schüler, die sich so sehr für die Isufis eingesetzt haben, über die Abschiebung zu informieren. „Die Schüler reagierten betroffen.“ In den Klassen sei es ganz still gewesen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Dünser kritisiert, dass der Widerstand der Schüler gegen Unmenschlichkeit bei der Behörde, aber auch der Politik abgeprallt ist. „Die Politiker müssen sich überlegen, wie sie mit dem Thema Flucht umgehen. Besonders in einem Fall wie diesem, der ein sehr positives Beispiel an Integration war“, sagt die Direktorin. „Mit der Abschiebung wird nun jungen Menschen jegliche Chance auf ein selbstständiges Leben verwehrt. Und unseren Schülern wurden gute Freunde genommen.“ Natürlich sei ihr klar, dass man nicht alle Asylwerber aufnehmen kann, „aber in diesem Fall hätte man eine menschliche Lösung finden können“.

Im Übrigen sei die Abschiebung ein „massiver Verstoß gegen die Kinderrechte“, erklärt Dünser und weist auf eine vom Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch für das BSA verfasste Stellungnahme hin. Darin lobt Rauch das Engagement „unterschiedlicher Personen und Institutionen, um – in welcher Form auch immer – einen Verbleib (der Familie) in Österreich zu erreichen“. Das der MS Lauterach hebt er besonders hervor: „Das zivilgesellschaftliche Engagement ist enorm.“  Dann bezieht er sich auf das Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern und macht darauf aufmerksam, „dass bei allen Maßnahmen das Kindeswohl im Vordergrund zu stehen hat“. Rauch weist zudem auf die Artikel 1 und 4 des Bundesverfassungsgesetzes über die Rechte von Kindern, und auf Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention hin, aus denen sich die Verpflichtung ergibt, die Interessen der von einer Ausweisung betroffenen Kinder vorrangig zu berücksichtigen. Eine mögliche Ausweisung oder Abschiebung der Familie mit Kindern verletze diese Rechte.

Verfahren nicht abgeschlossen

„Die ganze Familie ist weg. Ich konnte mich nicht verabschieden“, sagt Bettina Miltner zu den VN. Auch Aurites ehemalige Lehrerin ist bestürzt und traurig. „Dabei war das Verfahren noch nicht abgeschlossen.“ Die Isufis hätten sogar vor wenigen Tagen noch eine Zahlung an den Rechtsanwalt geleistet, der sie betreut hat. Besorgt hofft Miltner, bald Nachricht von den Isufis zu erhalten.

Man hätte eine menschliche Lösung finden können.

Gabi Dünser