Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Agiler Siebziger

18.11.2015 • 17:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wenn eine Zeitung ihr 70-jähriges Jubiläum feiern kann, so zeugt das von einer gelungenen Geschäftspolitik und einer treuen Leserschaft über Generationen hinweg. Natürlich hatte und hat dieser kontinuierliche Erfolg viele Väter und Mütter, und selbstverständlich gab es in diesen langen Jahren auch Krisen und Engagements, die über die bloße Berichterstattung hinausschossen. Immer aber standen die „Vorarlberger Nachrichten“ für die Region, deren Namen sie im Titel tragen. Inhaltlich wird es das bleibende Verdienst dieser Zeitung sein, dass sie bereits seit den 1960er-Jahren für den Naturschutz eingetreten ist. Ansonsten war sie in ihren Haltungen meist ein Kind ihrer Zeit: bodenständig, aber für wirtschaftliche Internationalität; demokratisch, aber mit stetem Ressentiment gegenüber der Bundeszentrale; konservativ, aber nicht parteigebunden; im Ton oft nicht zimperlich, wo man sich im Recht wähnte; pluralistisch, seit auch die gesellschaftlichen Verhältnisse offener geworden sind. In diesen Positionen fand sich offensichtlich auch die Mehrheit der Vorarlberger Leserschaft wieder.

Im Gegensatz zu den Parteizeitungen, die in ihrem Siechtum dem ihrer Parteien vorangingen, konnte sich die unabhängige Zeitung behaupten. Diese Freiheit erwies sich bereits in den Gründungsmonaten, als die neu erstandenen Parteien in den Nachkriegsmonaten ihre Position und Klientel erst suchen mussten, als Startvorteil. Seit dem September 1945 hatte es nur die „Vorarlberger Nachrichten“ gegeben, die von Eugen Russ sen. und der französichen Militärregierung herausgegeben und von Redakteuren der drei zugelassenen Parteien redigiert wurden. Zehn Tage vor den gemeinsam abgehaltenen Nationalrats- und Landtagswahlen vom 25. November 1945 genehmigte die Besatzungsmacht auf Drängen der beiden Großparteien die Herausgabe von Parteizeitungen.

Das „Vorarlberger Volksblatt“, die Zeitung der ÖVP, wusste allerdings mit der neuen Freiheit unter französischer Aufsicht mehr schlecht als recht umzugehen. Mit Artikeln im Februar 1946, in denen das Volksblatt für die illegalen Nazis und für die Soldaten der Wehrmacht Partei ergriff, bewies die Redaktion nicht nur fehlenden politischen Instinkt, sondern brachte sich bei der Besatzungsbehörde in Misskredit. Als dann in einem weiteren Bericht Bischof Franz Tschann selbstmitleidig das traurige Schicksal des deutschen und österreichischen Volkes beklagte, ohne mit einem Wort auf die Ursache des Elends hinzuweisen, war für die Franzosen das Maß voll. Für sie war es zutiefst ärgerlich, dass Meinungsbildner in Vorarlberg die gebotene Chance, schad- und schuldlos aus der verbrecherischen Liaison mit Deutschland herauszukommen, nicht wahrnehmen und in treuer Verbundenheit auf den gemeinsamen Irrweg zurückschauen wollten. Das folgende sechswöchige Erscheinungsverbot kostete das Volksblatt Kredit und Abonnenten. Bereits 1949 verkauften die VN mit täglich 26.000 Exemplaren mehr als alle Parteizeitungen zusammen.

Seit diesem Zeitpunkt verteidigte der mediale Platzhirsch sein Revier gegen Neue und Eindringlinge von außen und behauptete seine Position als regionaler Berichterstatter und Mitredner, als Meinungsforum und Marktplatz.

In diesen Positionen fand sich offensichtlich auch die Mehrheit der Vorarlberger Leserschaft wieder.

meinrad.pichler@vorarlbergernachrichten.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.