Die Verschiedenheit richtig einordnen

Vorarlberg / 18.11.2015 • 18:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Pfr. Ralf Stoffers, Susanne Heine: Durch die Auseinandersetzung mit dem Islam das Christentum besser verstehen gelernt.  Foto: Günther Sejkora
Pfr. Ralf Stoffers, Susanne Heine: Durch die Auseinandersetzung mit dem Islam das Christentum besser verstehen gelernt. Foto: Günther Sejkora

Susanne Heine plädiert dafür, dass Muslime und Christen ihre
Identität im Dialog
neu entdecken.

Bregenz. ™ Kein Diskussionsabend über den Islam kann sich dieser Tage an den Pariser Anschlägen vorbei- mogeln. Und kein Abend ist nötiger als der dritte und letzte der ökumenischen Gespräche Bregenz. Susanne Heine ist angereist, um über interreligiöse Verständigung zu sprechen.

Die Frau kennt sich aus. Die 1942 in Prag geborene Susanne Heine ist evangelische Pfarrerin in Wien. Bis 2010 unterrichtete sie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seit 2014 führt sie gemeinsam mit Tarafa Baghajati den Vorsitz der 2006 gegründeten „Plattform Christen und Muslime“. Den Attentaten von Paris hält Heine entgegen, dass Gewalt niemals aus dem Koran begründbar ist. Die Terroristen klaubten sich völlig kontextlos und ohne jedes historische Bewusstsein ihre wirren Überlegungen zusammen und konstruierten daraus einen göttlichen Befehl.

Über eigenen Glauben gelernt

Heine selber hat in der Auseinandersetzung mit dem Islam viel über ihren eigenen Glauben gelernt. Schnörkellos sagt sie, dass die Nachbarschaft von Mohammedanern, Christen und Juden natürlich über die Jahrhunderte auch eine Geschichte der Herabsetzungen und Bekehrungsversuche war, aber „wir sind miteinander im Gespräch geblieben“. Darauf kommt es an. Das Wort aus der Bergpredigt „Selig, die Frieden stiften“ sei nicht einfach als ein Sager Jesu einzuordnen. Es ist vielmehr Programm: „Denn erst im Du lerne ich mein Ich kennen.“

In Europa leben laut Pew Research Center zurzeit mehr als 44 Millionen Muslime, was einem Anteil von sechs Prozent der europäischen Bevölkerung entspricht.

Im Jahr 2030 könnten rund 58 Millionen Menschen, also acht Prozent der europäischen Bevölkerung, muslimisch sein. Das stellt Bibel und Koran immer öfter in eine direkte Nachbarschaft. Beide wichtigen Urkunden für den Islam und das Christentum sind grundlegend verschieden. Frage: Ist der Gott der Muslime, Christen und Juden ein und derselbe? „Ja.“ Also können dann alle gemeinsam zum selben Gott beten? Da sagt Heine: „Nein.“ Quasi einen Mix herzustellen, indem Christen das Kreuzzeichen als Symbol der Dreifaltigkeit und die Moslems die erste Sure im Koran streichen – so einfach geht das nicht. Das Gottesverständnis ist grundverschieden. Eine gemeinsame Basis findet sich etwa darin, dass alle den Menschen als Geschöpf Gottes verstehen.

Werte nicht aufgeben

Annäherung kann nur gelingen, wenn die Welt auf die Anschläge von Paris dasselbe antwortet, was der damalige Premierminister Jens Stoltenberg nach den Anschlägen von Anders Breivik in Norwegen in Worte goss: „Wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

Es kommt darauf an, immer im Gespräch zu bleiben.

Susanne Heine