„Auch ein Klaps ist Gewalt“

19.11.2015 • 19:12 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Anneli Kremmel-Bohle sorgt sich um die Rechte der Kinder. vn/mm
Anneli Kremmel-Bohle sorgt sich um die Rechte der Kinder. vn/mm

Kinderschutzexpertin warnt wegen Flüchtlingskrise vor „Zwei-Klassen-Kindern“.

bregenz. (VN-mm) In mehr als 145 Ländern weltweit wird am heutigen Kinderrechtetag auf die Bedürfnisse von Kindern aufmerksam gemacht. Auch in Österreich steht noch längst nicht alles zum Besten.

Warum braucht es immer noch den Hinweis auf die Beachtung von Kinderrechten?

Kremmel-Bohle: Es hat sich zwar einiges verändert im Denken, aber vieles ist noch immer nicht durchgedrungen, was Kinderrechte betrifft. Wenn man beispielsweise das Recht auf Schutz hernimmt, ist es einfach so, dass nach wie vor auch in Österreich ungefähr 50 Prozent der Kinder hin und wieder eine Ohrfeige oder einen Klaps auf den Hintern bekommen. Das ist auch schon Gewalt. Deshalb glaube ich, dass es sehr wichtig ist, darüber zu sprechen.

Wie sieht es mit der Beteiligung von Kindern aus?

Kremmel-Bohle: Es werden immer noch viele Entscheidungen über die Köpfe von Kindern hinweg getroffen. Dieses Einbeziehen von Kindern fängt meiner Ansicht nach bereits im Alltag, in der Familie an. Das ist jedoch etwas, das wir zum Teil noch lernen müssen.

Ab wann können Kinder denn mitreden?

Kremmel-Bohle: Ich denke, dass sie das bereits sehr früh können. Man muss einfach schauen, was sind die Themen und in welcher Form beteilige ich Kinder. Wenn ich etwa ein dreijähriges Kind frage, was es anziehen möchte, kann es passieren, dass es die Badehose will, obwohl Winter ist. Dann muss ich ihm sagen, das geht nicht. Ich kann es aber auch fragen, möchtest du den roten oder blauen Pullover anziehen. So lassen sich Kinder zur Mitentscheidung und zum Mitreden hinführen. Je älter die Kinder sind und je weiter in ihrer Entwicklung, desto mehr ist diese Beteiligung möglich.

Wird diese Beteiligung in den pädagogischen Einrichtungen praktiziert?

Kremmel-Bohle: Mir ist schon klar, dass das oft nicht einfach ist, besonders wenn große Gruppen von Kindern betreut werden. Denn das eine will dieses und das andere jenes. Die Frage ist für mich eher, ob wir das wirklich brauchen, dass Kinder so gleichgeschaltet werden. Ist es wirklich notwendig, dass alle zur gleichen Zeit ihre Jause essen? Wir Erwachsenen tun das ja auch nicht. Ich denke, hier könnte sich jeder Kindergarten und jede Schule überlegen, in welcher Form eine Beteiligung zumindest ein Stück weit gelebt werden kann. Ganz wichtig finde ich auch, schon mit Kindern im Kindergarten darüber zu reden, wie wir unser Zusammenleben gestalten.

Müssen Kinder wirklich überall mitreden?

Kremmel-Bohle: Natürlich geht es schneller, wenn ich selber entscheide, statt die Sache mit dem Kind zu besprechen. Ich bin auch nicht der Meinung, dass Kinder bei allem mitreden müssen. Wenn ich jeden Tag mit meinen drei Kindern diskutiert hätte, was ich mittags kochen soll, hätte es wahrscheinlich nie etwas zu essen gegeben. Wir müssen als Erwachsene Entscheidungen treffen, aber gleichzeitig immer wieder schauen, wo die Bereiche sind, in denen sich Kinder gut beteiligen können.

Nun sind Kinderrechte global zu sehen. Auch Flüchtlingskinder haben diese Rechte. Besteht derzeit nicht die Gefahr einer Aufweichung?

Kremmel-Bohle: Man muss diese Gefahr tatsächlich sehen, speziell vor dem Hintergrund, dass wir zwei Klassen von Kindern bekommen könnten: „unsere“ Kinder und die Flüchtlingskinder. Aus meiner Sicht sind wir im Moment in einer absoluten Krisensituation. In der Krise braucht es aber schnelle Lösungen. Trotzdem müssen wir uns auch die Zeit nehmen, zu überlegen und sehr genau hinzuschauen, was Kinder und Jugendliche, die allein auf der Flucht sind, benötigen. Sie brauchen passende Angebote, und wir müssen dafür sorgen, dass sie integriert werden. Das erfordert sehr viel Unterstützung.

Das Vorarlberger Kinderdorf hat in der Auffanggruppe ebenfalls Flüchtlingskinder betreut.

Kremmel-Bohle: Ja, denn wir sind für Kinder in der Krise zuständig. Wir hatten zwei Kinder unter 14 Jahren, die unbegleitet auf der Flucht waren und in Vorarlberg gestrandet sind. Sie waren noch nicht registriert, und es ging darum, sie so lange zu betreuen, bis sie zur Registrierung nach Traiskirchen oder Thalham gebracht werden konnten. Die Betreuung der Kinder erwies sich als riesige Herausforderung, auch, weil eine Verständigung kaum möglich war. Natürlich versuchten wir, Dolmetscher zu bekommen, aber der Tag hat 24 Stunden und es ist nicht möglich, über die ganze Zeit einen Dolmetscher zu stellen. Wir haben uns dann auch mit Sprach-Apps beholfen.

Ist das Land für die Altersgruppe der unter 14-Jährigen gerüstet?

Kremmel-Bohle: Ich denke schon, dass man eine Lösung schaffen kann und die notwendigen Kompetenzen dafür auch da sind.

Zur Person

Anneli Kremmel-Bohle

Geboren: 2. Juli 1957

Wohnort: Lustenau

Beruf: Psychologin und Psychotherapeutin, stellvertretende Geschäftsführerin des Vorarlberger Kinderdorfs mit Schwerpunkt Kinderschutz und Kinderrechte