Jesus vor dem Richter Pilatus

20.11.2015 • 17:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Joh 18,33-37. Am „Christkönigssonntag“ werden wir an die Königswürde Jesu erinnert, eine Königswürde, die durch die Geschichte immer wieder verschieden, auch falsch verstanden wurde.

Zeugnis für die Wahrheit

Im Bibelabschnitt nach dem Evangelisten Johannes (Joh 18,33-37) wird Jesus vom Römer Pilatus gefragt, ob er denn ein König sei. Zuerst sieht es so aus, als ob Jesus keine rechte Antwort geben wollte. Als ob das Wort König zu sehr belastet sei mit materiellen, kriegerischen und politischen Assoziationen. Er weist aber die Frage nicht grundsätzlich zurück. Ja, er sei ein König, aber sein Königtum sei „anders“: „Ich bin geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37). Die darauf folgende Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ ist bis heute eine Menschheitsfrage geblieben, die sich angesichts der gegenwärtigen Situation und der Ereignisse der letzten Tage, Wochen und Monate jeder und jedem von uns verschärft stellt und auf die wir nur teilweise und unsichere Antworten finden.

Im biblischen Sinne ist Wahrheit nicht eine Frage der tiefgründigen Erkenntnisse des Verstandes, nicht eine Frage der richtigen Sätze, hat keine objektiv feststellbaren Inhalte, sondern ist eine lebendige Beziehung, die zwischen einem Du und einem Ich und zwischen Jesus und mir hin- und herfließt; und sie ist die Erfahrung, dass Jesu Lebensbeispiel alles enthält, worauf wirklich Verlass ist. Und deswegen sollten wir überall verlässliche Beziehungen stiften und Räume schaffen, in denen Verlässlichkeit erfahren werden kann.

So hatte Mahatma Gandhi sein politisches Programm mit dem Wort Wahrhaftigkeit überschrieben, das bedeutet, sein Leben aus allen Lügen herauszuhalten. Er hat mit diesem Programm eine politische Wende herbeigeführt und in Indien bewiesen, dass sich Spirituelles und Politisches verbinden lässt. Obwohl ihm der irdische Erfolg nur in Bruchstücken zuteil wurde, hat er dennoch eine geistige Welt hinterlassen, die sich gegen alle großen Lebenslügen stellt.

Der König am Kreuz

Jesus wurde hingerichtet am Kreuz und hatte doch verkündet, er würde sein Volk erneuern und die Machtverhältnisse verändern. „König der Juden“ hat man ihn genannt, als die Menge ihm zujubelte – dann hing er am Kreuz. Für die Herrscher, die er infrage stellte, war es selbstverständlich, gegen Aufwiegler/Rebellen rigoros vorzugehen. Viele aus dem Volk schauten stumm zu – zu sagen hatten sie in der großen Politik ohnehin nichts. Die führenden Männer und die Soldaten verspotteten den Sterbenden. Jene, die sich arrangiert hatten, und die Handlanger der Herrschenden, kamen sich stark vor, im Vergleich zur Ohnmacht des anscheinend gescheiterten Revolutionärs.

Ein zwiespältiges Fest

Der Umgang mit Macht blieb auch im Christentum zwiespältig, wie wahrscheinlich jeder menschliche Umgang mit Macht. So ist es zwiespältig, Christus als König zu feiern.

Zum einen ist da die ideelle Entmachtung aller irdischen Herrscher durch den einen Herrn und König, dessen Gebot alle menschlichen Fahneneide außer Kraft zu setzen vermag. In Jesu Leben und Leiden, im bedingungslosen Dienen und Lieben, darin liegt seine Königswürde. Angesichts solcher Allmacht ist alles menschliche Machtgebaren lächerlich und klein.

Zum anderen ist da aber auch immer die Möglichkeit, dass die Herrscher dieser Welt sich selbst als dem himmlischen König ähnlich, als ihm besonders nahe, als seine legitimen Stellvertreter sehen und als solche absoluten Gehorsam fordern. Und die Menschen schauen zu und nicht allen gelingt es, zwischen Gott und dem König gut zu unterscheiden – oder auch zwischen Gott und den Präsidenten. Beispiele unserer Gegenwart zeigen uns diese Schwierigkeit nur zu deutlich.

Messianische Vision

Angesichts von Kriegen, zunehmender Gewalt und Armut scheint es derzeit, als würde diese messianische Vision der Gerechtigkeit unter den Menschen, von der Würde aller und der Verantwortung für die Schwächeren wieder einmal schmerzlich scheitern – zum Spott all derer, die sich im herrschenden System Vorteile erhoffen, und unter den stummen Blicken vieler, die sich manipulieren lassen.

Aber der verzweifelten Enttäuschung steht auch heute das Vertrauen gegenüber, dass die Macht der sorgenden Liebe, die uns Menschen zugesagt ist, auch das Scheitern der Hoffnung auf Menschlichkeit noch zu umfangen und aufzuhalten vermag. Dieses Vertrauen ermöglicht dann den Einsatz für das Reich Gottes, für das Königtum nach Jesu Vorbild, hier und jetzt.

Dr. Karoline Artner, Werk der Frohbotschaft Batschuns