„So ist das kaum umsetzbar“

20.11.2015 • 20:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Gabriele Böheim und Christian Kompatscher wollen sich von Wien nicht aufhalten lassen .  Foto: VN/Steurer
Gabriele Böheim und Christian Kompatscher wollen sich von Wien nicht aufhalten lassen .  Foto: VN/Steurer

Trotz Wiener Verbot für echte Modellregion glauben Experten: „Vorarlberg ist weiter.“

Schwarzach. Gabriele Böheim, Vizerektorin der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, und dort für die Forschung zuständig, sowie Christian Kompatscher, Schulentwickler und Bezirksschulinspektor, haben das Forschungsprojekt „Schule der Zehn- bis 14-Jährigen“ mitgeprägt. Den Beschluss der Reformkommission in Sachen gemeinsamer Schule beurteilen sie negativ. Die Weiterentwicklung des Projekts könne dadurch aber nicht verhindert werden. „Wir haben einen riesigen Vorsprung gegenüber dem Osten“, sagt Forschungsprojekt-Leiterin Böheim. „Dieser politische Beschluss hält sicher nicht zehn Jahre“, ist Kompatscher überzeugt.

Wie haben Sie das Ergebnis der Bildungsreform aufgenommen?

Böheim: Ich sehe darin zwei Botschaften. Die eine: Es hat sich die Tür einen Spalt weit aufgetan, viel zu wenig, um durchgehen zu können. Die andere: Wir haben den Fuß dort drinnen. Unsere Arbeit war nicht umsonst. Wir sind für weitere Diskussionen gut vorbereitet und können zeigen, dass das zweigliedrige Schulsystem nicht mehr zur gesellschaftlichen Realität passt.

Kompatscher: Es war nicht so, dass wir die Sektkorken haben knallen lassen. Aber: Wir haben dem Tag der Verkündung dieser Reform keine so überragende Bedeutung beigemessen. Wie wir wissen, lässt sich Schulentwicklung nicht aufhalten und solche Beschlüsse halten nicht ewig. In diesem Fall sicher auch nicht zehn Jahre. Wir können nicht aufgehalten werden.

Wie erklären Sie sich diese Absage an eine flächendeckende Modellregion Vorarlberg?

Böheim:Wir haben einen riesigen Vorsprung gegenüber dem Osten und den Vorteil, dass auch die Politik mehr oder weniger geeint ist. Diese Entwicklungen fanden in anderen Bundesländern nicht statt. Bei uns gab es eine längere, fundierte Befassung mit dem Thema.

Kompatscher: Uns fehlte ein konkretes, fertiges Projekt, das wir hätten vorstellen können. Man wird wohl unsere Forschungsstudie angeschaut haben, aber eben ohne ein fertiges Projekt.

Sie befürchten wirklich keine Auswirkungen auf die Schulentwicklung in Vorarlberg – nach dieser glatten Absage an die Modellregion?

Kompatscher: Natürlich ist es ein Dämpfer. Die andere Option wäre Euphorie und Begeisterung gewesen. Eine viel bessere. Wir haben uns, wie gesagt, mehr erwartet. Aber es ist jetzt nicht so, dass die Kollegen sagen: Jetzt macht alles keinen Sinn mehr.

Böheim: Ungeachtet dieses Beschlusses hat das Land bereits eine neue Projektstruktur aufgebaut, den Stufenplan für eine Umsetzung der Empfehlungen der Forschungsstudie. Das weitere Vorgehen ist natürlich auch eine politische Entscheidung. Wir werden aber nicht einfach darauf warten, was andere vorgeben. Wir sind auf Weiterentwicklung eingestellt, wir sind schon lange auf dem Weg.

Kann die Lehrerbildung neu im Sekundarbereich die fehlenden politischen Weichenstellungen kompensieren? Es gibt ja bald nur noch einen Typ Sekundarlehrer.

Böheim: Wir bilden Lehrpersonen so aus, dass sie auf die neuen Herausforderungen bestmöglichst vorbereitet sind. Für die Mittelschule, genauso wie für die AHS und natürlich auch für die Volksschule. Tatsache ist: Die Heterogenität wird in allen Schultypen zunehmen und man wird erkennen, dass Volkschulnoten nicht geeignet sind, Trennungen zu machen.

Kompatscher: Die gemeinsame Lehrerausbildung begünstigt eine gemeinsame Schule, aber es gibt keinen Automatismus. Man soll also nicht glauben, die kommt dadurch sowieso. Ich setze auch Hoffnung in die neuen Bildungsdirektionen, wo sich alle Lehrer unter einem Dach wiederfinden werden.

Böheim: Eine gemeinsame Lehrerausbildung schafft auch ein gemeinsames Bewusstsein.

Ist eine Modellregion begrenzt auf 15 Prozent aller Schüler und Schulen überhaupt umsetzbar?

Böheim: Ich sehe das als sehr schwierig an und würde ein solches Projekt auch nicht empfehlen. Das ist zu wenig durchdacht. Ich vermag darin auch keine sinnvolle Strategie zu erkennen. So ist das kaum umsetzbar. Man hat die Vorarlberger Situation ganz einfach zu wenig berücksichtigt.

Kompatscher: Noch einmal: Regierungsbeschlüsse sind veränderbar. Ich erinnere an die Neue Mittelschule. Damals hätte Vorarlberg die erlaubte Größenordnung schon mit dem ersten Schub von Umwandlungen in den neuen Schultyp überschritten. 28 Schulen hätten danach gar nicht mitmachen dürfen. Ich setze darauf, dass sich die entstandene Dynamik auch in dieser Situation fortsetzt.

Kritiker einer gemeinsamen Schule fragen, warum eine Differenzierung bei Zehn- bis 14-Jährigen unbedingt innerhalb einer Schule stattfinden muss und nicht durch verschiedene Schultypen nach außen hin manifestiert bleiben darf. Es gebe auf dem Papier noch kein konkretes Projekt.

Böheim: Ich möchte diesen Kritikern empfehlen, die Publikationen der OECD zu lesen, weil dort die Bedingungen erfolgreicher Schulsysteme sehr gut erforscht sind. 32 von 34 OECD-Staaten trennen Kinder später, die meisten davon zwischen 14 und 16 Jahren. Es sind diese Systeme alle chancengerechter. Bei einer heterogenen Gruppe kann man deutlich gezielter auf Talente und Fähigkeiten von Schülern eingehen. Größere Heterogenität ermöglicht bessere individuelle Förderung. Mit 14 Jahren sind Talente und Fähigkeiten besser ausgeprägt als vorher.

Kompatscher: Kritiker lassen sich nicht von einem Papier überzeugen. Die brauchen eigene Erfahrungen.

Wir haben einen riesigen Vorsprung gegenüber dem Osten.

Gabriele Böheim