Die unantastbare Würde des Menschen

22.11.2015 • 17:28 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Gewalt war nicht immer das, was es heute ist. Etymologisch leitet sich der Begriff von waltan, „stark sein“, ab und bedeutet „das Verfügen-Können über das innerweltliche Sein“. Der Gewaltbegriff war ursprünglich also eine energetische Kraft, die uns handlungsfähig machte. Heute gebrauchen wir Gewalt dann, wenn wir mit Zwang etwas durchsetzen wollen.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekannten sich die Vereinten Nationen 1948 ausdrücklich zum Grundsatz „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“. Die dreißig Artikel umfassende Menschenrechtserklärung legt Auffassungen über Bestimmungen und Rechte dar, die Menschen gewährt werden. Diese Menschenrechte gelten explizit für alle gleichermaßen, ohne Unterscheidung nach Geschlecht, Sprache, Religion oder Nationalität. Sie gelten auch unabhängig davon, in welchem rechtlichen Verhältnis Menschen zu dem Land stehen, in dem sie sich gerade aufhalten. Die Menschenrechte beziehen sich somit auf alle in Vorarlberg zugewanderten bettelnden Personen und deren Familien.

Aktuell gehen wir gewaltsam gegen Armutsreisende vor. Ungeachtet schwerer persönlicher Schicksale verweisen und vertreiben wir Bettlerinnen und Bettler aus unseren Kommunen und Gemeinden. Wir diskutieren Campierverordnungen und Bettelverbote. Wir eröffnen Strafverfahren gegen Bedürftige, wenn sie öffentlich auf ihre Not hinweisen. Wir schreiten ein und brechen ganze Zeltdörfer ab, um der kriminellen Bettelei entgegenzutreten. Und schließlich drohen wir Eltern mit Kindesabnahme, sollten sie sich mit ihrer Familie nicht auf den Weg nach Hause begeben. Für viele dieser Menschen jedoch gibt es keine Heimat, in die sie zurückkehren könnten. Arbeitslosigkeit, fehlende Absicherungen und perspektivlose Lebensverhältnisse zeichnen ihre Herkunftsregionen aus. Eben weil ihre ursprüngliche Heimat keine Überlebensperspektiven für sie bereithält, sind sie unterwegs.

Immanuel Kant erhob im 18. Jahrhundert die Würde zum kategorischen Imperativ, zur grundlegenden menschlichen Seinsbestimmung. Die in Österreich vertraglich verankerten Allgemeinen Menschenrechte bauen auf diesem Würdebegriff auf. Wir haben ganz einfach nicht das Recht, gewaltsam gegen Menschen und ihre Würde vorzugehen.

Heute gebrauchen wir Gewalt dann, wenn wir mit Zwang etwas durchsetzen wollen.

amanda.ruf@vorarlbergernachrichten.at
Amanda Ruf ist Geschäftsführerin des Vereins Amazone.