Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Damenwahl

Vorarlberg / 23.11.2015 • 18:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Dieser als Ritual bei traditionellen Tanzveranstaltungen bekannte Begriff hat auch in die Zeitgeschichte Eingang gefunden. Es ist zwar bei jeder Wahl so, dass die Damen mit rund 52 Prozent die Mehrheit der Wählerschaft stellen. Einmal war das aber besonders ausgeprägt. Bei der am 25. November 1945 abgehaltenen ersten Nationalratswahl nach dem Zweiten Weltkrieg waren zwei Drittel der Wahlberechtigten Frauen, daher die Bezeichnung „Damenwahl“. Einerseits waren damals noch viele Männer in Kriegsgefangenschaft und andererseits waren zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten (durchwegs Männer) vom Wahlrecht ausgeschlossen. An der hohen Wahlbeteiligung von 93 Prozent lässt sich ablesen, wie ernst damals die Möglichkeit genommen wurde, in einer neu errichteten Demokratie wieder frei wählen zu können. Das ist umso bemerkenswerter, als es damals keine Wahlpflicht gab, die wurde erst 1949 eingeführt und 1992 wieder abgeschafft.

Dass Frauen an einer Wahl teilnehmen konnten, war noch gar nicht lange der Fall. In der Monarchie waren Wahlen Männerangelegenheit, und auch sie bekamen die Gleichberechtigung aller Wähler erst 1907. Das Frauenwahlrecht wurde 1918 mit der Gründung der Republik eingeführt. In der Schweiz dauerte es bis 1971, in Appenzell-Innerrhoden sogar bis 1990. Die Vertretung der Frauen in Parlamenten und Regierungen hat sich aber auch bei uns lange Zeit genommen. Erst kürzlich sorgte für Diskussionen, dass die neue oberösterreichische Landesregierung nur von neun Männern gebildet wird, und seit dem Ausscheiden von Anna Franz findet sich auch unter den acht Vorarlberger Vertretern im Nationalrat keine Frau mehr.

Die Nationalratswahl 1945 war aber auch noch in einer zweiten Hinsicht bemerkenswert. Mit nur fünf Prozent Stimmenanteil schaffte es die Kommunistische Partei ganz knapp, mit vier Mandaten in den Nationalrat einzuziehen. Das war eine deutliche Absage an den Kommunismus und eine Fehleinschätzung der Sowjetunion, die sich wie in anderen Ländern eine stille Machtübernahme durch Wahlen erhofft hatte. Die 1950 von der KPÖ mit einem Generalstreik versuchte Destabilisierung der jungen Demokratie scheiterte ebenso, weil sich der Gewerkschaftsbund dagegen stellte und auch die Sowjetunion offenkundig eine Konfrontation vermeiden wollte. Seit 1959 ist die KPÖ im Nationalrat nicht mehr vertreten, auf Landesebene noch in der Steiermark mit zwei Landtagsabgeordneten, was in erster Linie auf zugkräftige Persönlichkeiten in Graz zurückzuführen ist. Die „Damenwahl“ 1945 war eine wichtige Weichenstellung für die demokratische Entwicklung der jungen Republik. Ein zeitgemäßer Frauenanteil in den Parlamenten und Regierungen lässt aber auch siebzig Jahre später noch an vielen Orten auf sich warten.

Ein zeitgemäßer Frauenanteil lässt noch auf sich warten.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.