Der Menschenvernichter

23.11.2015 • 19:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dr. Irmfried Eberl.    Foto: BW-archiv
Dr. Irmfried Eberl.   Foto: BW-archiv

Der Vorarlberger Arzt Irmfried Eberl wurde während der NS-Zeit zum Massenmörder.

Bregenz. (VN-kum) Ihm wird der Massenmord an mehr als 300.000 Menschen zur Last gelegt. Der Historiker Werner Dreier hält morgen einen Vortrag über die „Karriere“ dieses Nazi-Arztes aus Bregenz.

Laut dem Historiker war Eberl eine durch und durch mittelmäßige Persönlichkeit. „Es zeichnete ihn nichts Besonderes aus. Er war durchschnittlich begabt und durchschnittlich feige, etwas korrupt und etwas untreu.“ Dreier zufolge war Eberl auch nicht besonders bestialisch. „Es gab Exzess-Täter, die Freude am Töten hatten. Nicht so Eberl. Er machte nur seine Arbeit und war der Meinung, dass er mit dem Töten von Menschen etwas Sinnvolles und Notwendiges tut.“ Gemäß Dreier ist die Umformung von Massengewalt in Arbeit eine Erklärung für den Massenmord. “Beim arbeitsteiligen Massenmord erfüllte jeder seine Aufgabe.“

Aber wie wurde aus Eberl ein Massenmörder? Er wurde 1910 in eine Familie mit nationalsozialistischer Gesinnung geboren. Sein Vater war Gewerbeinspektor für Vorarlberg. Nach der Matura studierte Eberl in Innsbruck Medizin. „Die Uni war damals ganz stark deutschnational und antisemitisch orientiert“, informiert Dreier. Als Student trat Eberl der deutschnationalen Burschenschaft „Germania“ bei, einer rassistischen und judenfeindlichen Studentenverbindung. Dreier: „Das hat ihn stark geprägt. Seine Radikalisierung erfolgte in diesem akademischen Milieu.“

Ermordung „unwerten Lebens“

Seine NSDAP-Mitgliedschaft machte es ihm in Österreich schwer, eine unbefristete Anstellung zu finden. Deshalb ging der frischgebackene Arzt 1936 nach Deutschland. „Dort geriet er über seine Frau, eine NSDAP-Funktionärin, in den Kernbereich des Nationalsozialismus.“ Im Jänner 1940 nahm Eberl an der ersten „Probevergasung“ von Kranken in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg teil. Ab Februar begann unter dem Namen „Aktion T 4“ die systematische Ermordung „unwerten Lebens“ durch Kohlenmonoxid. Ingesamt fielen mehr als 70.000 Menschen der „Aktion T 4“ zum Opfer: In den Gaskammern wurden geistig und körperlich behinderte Menschen und psychisch kranke Menschen ermordet. Eberl wurde im Februar 1940 Leiter der Tötungsanstalt Brandenburg. Dort nahm er, soweit anwesend, sämtliche Vergasungen eigenhändig vor. Im November 1940 übernahm er nach Auflösung der Euthanasie-Anstalt Brandenburg im Oktober 1940 die neu errichtete Tötungsanstalt Bernburg. „In den beiden Einrichtungen, die Eberl geleitet hat, sind rund 18.000 Menschen umgekommen“, berichtet Dreier, der seit 15 Jahren den Verein „erinnern.at“ leitet. Dieser setzt für Lehrer und Schulen Bildungsmaßnahmen im Bereich Nationalsozialismus und Holocaust um.

Nach dem Historiker endeten die Krankenmorde im Jahr 1942 offiziell, weil der Protest in der Bevölkerung zunahm und das Ziel, die Krankenanstalten zu leeren, erreicht war. „Doch es hat weiterhin Tötungen gegeben, aber nicht mehr in organisierter Form.“ Mit dem Ende der organisierten Krankenmorde wurde das Kernteam der „Aktion T 4“ für eine neue Aufgabe herangezogen: die Vernichtung des polnischen Judentums im deutsch besetzten Polen. Eberl kam nach Treblinka, baute dort ein großes Vernichtungslager auf und leitete es von Juli bis August 1942. Dreier: „In diesen zwei Monaten wurde dort fast eine Viertelmillion Menschen ermordet, getötet mit Abgasen von schweren Motoren.“

Erhängte sich in Gefängniszelle

Eberl musste gehen, weil es in Treblinka zu einem Zusammenbruch der Tötungsmaschinerie kam. „Tausende Leichen lagen im Lager herum, das Personal kam mit dem Verscharren in Massengräbern nicht mehr nach.“ Eberls Vorgesetzte machten den Kommandanten für die im Lager herrschenden Zustände verantwortlich und suspendierten ihn. Nach dem Krieg ließ sich Eberl als Arzt in der Nähe von Ulm nieder, wo er zunächst ungestört praktizieren konnte. Doch dann wurden die Behörden auf ihn aufmerksam und verhafteten ihn. Er entzog sich einem Verfahren durch Selbstmord. Eberl erhängte sich am 16. Februar 1948 in seiner Gefängniszelle.

Eberl war gewöhnlich und nicht besonders bestialisch. 

Werner Dreier

Vortrag von Werner Dreier: Irmfried Eberl – sorgsamer Gärtner oder Mörder aus niedrigsten Beweggründen? Morgen, 19 Uhr, Vorarlberg Museum, Bregenz; Buchtipp: Michael Grabher: „Irmfried Eberl“