Gewalt ist keine Privatsache

Vorarlberg / 24.11.2015 • 19:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Vor 25 Jahren wurde die IfS-Frauennotwohnung eröffnet. Ein Gespräch mit der Leiterin. 

dornbirn. (VN) Heute ist Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Eine, die jeden Tag mit weiblichen Gewaltopfern zu tun hat, ist Cäcilia König. Sie leitet seit drei Jahren die IfS-Frauennotwohnung in Dornbirn.     

Vor 25 Jahren wurde die Frauennotwohnung in Dornbirn eingerichtet. Hat sich seitdem etwas geändert?

Cäcilia König: Die Formen und das Ausmaß der Gewalt haben sich in den vergangenen 25 Jahren nicht wesentlich geändert. Nach wie vor ist jede fünfte Frau von häuslicher Gewalt betroffen. Auffallend ist, dass seit ein paar Jahren auch ältere Frauen zu uns kommen. Nach jahrzehntelangem Zusammenleben mit einem gewalttätigen Partner haben sie beschlossen, dass sie den Lebensabend gewaltfrei erleben wollen und ihren Mann nicht pflegen möchten. Das heurige Jahr hebt sich dadurch ab, dass wir mehr Migrantinnen als Österreicherinnen als Klientinnen haben.

Heißt das, dass österreichische Männer nicht so gewalttätig sind wie solche mit Migrationshintergrund?

König: Nein, das heißt es nicht. Die Österrreicherinnen haben nur andere Möglichkeiten, sich zu helfen. Sie werden oft vom familiären Netz aufgefangen. Vielen Migrantinnen fehlt diese wichtige Ressource. Im Gegensatz zu Österreicherinnen haben Migrantinnen oft auch keine Ausbildung und kein eigenes Einkommen. Manchmal sprechen sie nicht einmal Deutsch. Weil sie viele Ressourcen nicht haben, die Österreicherinnen haben, bleibt ihnen nur ein Ausweg: das Frauenhaus.

Studien belegen, dass eine durchschnittliche Gewaltbeziehung zirka elf Jahre dauert. Warum brechen die Frauen nicht früher aus?

König: Weil es in einer Beziehung nicht nur schlechte Zeiten gibt, sondern auch gute. Weil die Hoffnung besteht, dass sich der Partner verändert und die Frau seinen Versprechungen glaubt; weil die Frauen nicht wissen, welche Hilfe und Unterstützung sie haben könnten; weil sie glauben, dass sie aufgrund von Abhängigkeiten kein eigenständiges und gewaltfreies Leben führen können.      

Frauen, die wirtschaftlich unabhängig sind, brechen vermutlich eher aus.       

König: So ist es. Darum rate ich jedem Mädchen, eine gute Ausbildung zu machen, damit es später wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen kann. Eltern sollten ihre Töchter zu kritischen und selbstbewussten Menschen erziehen. Jüngere Frauen verlassen ihren gewalttätigen Partner übrigens früher als ältere. Das liegt daran, dass sie mit einem anderen Verständnis sozialisiert worden sind. Bei der jungen Generation ist es angekommen, dass häusliche Gewalt keine Privatsache ist und jeder Mensch ein Recht auf ein gewaltfreies Leben hat.        

Was raten Sie betroffenen Frauen? 

König: Gewaltopfern rate ich, sich aktiv um Hilfe und Unterstützung zu kümmern. Frauen sollten sich nicht scheuen, bei häuslicher Gewalt die Polizei zu rufen, die Frauennotwohnung oder die Gewaltschutzstelle anzurufen. Auch die Bevölkerung darf nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Nachbarn, Bekannte, Freunde sollten nicht die Augen davor verschließen, sondern ihre Wahrnehmungen den Behörden melden.        

Was zeichnet Ihre Einrichtung aus?

König: Es ist sehr wichtig, dass es solche Einrichtungen wie die Frauennotwohnung gibt. Denn wir können schnell und unbürokratisch helfen und Schutz und Sicherheit geben. Wir sind rund um die Uhr erreichbar und nehmen Frauen (und ihre Kinder) zu jeder Zeit auf. Keine wird abgewiesen. Bei uns können die Frauen nach den gewalttätigen Übergriffen zur Ruhe kommen und sich stabilisieren. Außerdem erhalten sie bei uns eine kostenlose Rechtsberatung.                 

Wie viele Frauen haben seit 1990 Zuflucht im Frauenhaus gefunden?

König: Seit der Gründung haben bei uns rund 1570 Frauen und ebenso viele Kinder Schutz und Sicherheit gesucht. 

Ich rate jedem Mädchen, eine gute Ausbildung zu machen.

Cäcilia König

Zur Person

Cäcilia König

leitet ein 13-köpfiges Team von Beraterinnen und Betreuerinnen im Frauenhaus.

Geboren: 11. Jänner 1963

Ausbildung: Kauffrau, Soziologie und soziale Verhaltenswissenschaft

Familie: verheiratet, drei Kinder