In die Spirale der Gewalt geraten

Vorarlberg / 24.11.2015 • 19:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Eine türkischstämmige Vorarlbergerin schildert, wie sie ein Opfer von Gewalt wurde.

Dornbirn. (VN-kum) Fatima* (37) ist die Tochter türkischer Gastarbeiter. Sie wurde in Vorarlberg geboren und wuchs hier auf. Ihre Eltern waren nicht streng religiös. Sie erzogen sie liberal. Fatima war nie das typische Mädchen. „Ich trug nie Röcke.“ Wie ihre Brüder lernte auch sie eine Kampfsportart. Sie wuchs zu einer selbstbewussten Frau heran. Ihre Eltern legten Wert auf Bildung und ließen sie eine weiterführende Schule besuchen. Danach arbeitete sie in einer Position mit viel Verantwortung.

Mit 23 Jahren lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Mit 24 wurde Fatima Mutter und Hausfrau. Die Ehe veränderte sie. „Ich habe zu allem Ja gesagt, weil ich gemerkt habe, dass wir uns nur streiten, wenn ich auf den Tisch haue.“ Fatima konnte ihrem Mann nichts recht machen. „Einmal habe ich unserem Kind eine Jacke gekauft. Am nächsten Tag gab er sie zurück und kaufte eine andere. Irgendwann habe ich mich nicht mehr getraut, irgendetwas zu kaufen, nicht einmal mehr eine Milch.“ Ständig setzte er sie psychisch unter Druck. „Wenn ich mit dem Kind auf dem Spielplatz war, empörte er sich. Er wollte, dass ich den ganzen Tag im Haus bleibe.“ Doch Fatima wäre gerne wieder arbeiten gegangen. „Die Ehe ließ mir keine Luft. Ich wollte nur atmen.“ Aber ihr Mann verbot es ihr. Der tägliche Psychoterror zermürbte Fatima und brachte sie an den Rand der Verzweiflung. Sie floh mit ihrem Kind zu Verwandten. „Nach einem Monat haben wir uns wieder versöhnt. Ich dachte, dass jeder eine zweite Chance verdient.“ Ein zweites Kind besiegelte die Versöhnung.

Kein Ende des Schreckens

Doch es wurde nichts aus dem Neuanfang. „Der Psychoterror fing wieder an. Er kontrollierte mich ständig und rief mich am Tag 15 Mal an.“ Als sie herausfand, dass er untreu war, lief bei ihr das Fass über. Sie warf ihn aus der Wohnung. Aber das war noch nicht das Ende des Schreckens. „Er machte Druck und wollte wieder bei uns einziehen. Da habe ich zu meiner Therapeutin gesagt: „Sperr’ mich ein oder ich bringe mich um.“ Während Fatima im Spital um Genesung rang, beantragte ihr Mann die Obsorge für die Kinder. Eine Sozialarbeiterin empfahl ihr die Frauennotwohnung. Fatima zog wieder bei ihrem Mann ein – aber nur, um ihrer Kinder habhaft zu werden. „Am zehnten Tag gelang es mir, mit meinen Kindern ins Frauenhaus zu flüchten.“ Dort lebte sie sechs Monate – bis alles geregelt war: Scheidung, Unterhalt, Obsorge.

Heute, so sagt sie, gehe es ihr viel besser als früher. Sie schaffte es, sich ein neues Leben aufzubauen. Gewalt hat darin keinen Platz mehr. „Das lasse ich mir nicht mehr bieten.“ Heiraten möchte sie nie mehr. Auch für eine Beziehung ist sie noch nicht bereit. „Denn ich habe noch Angst, dass ich wieder in diese Spirale von Gewalt gerate.“

*Name von der Redaktion geändert                                 

Das Frauenhaus

» Durchschnittliche Belegung der letzten 25 Jahre: 96,5 Prozent; der letzten fünf Jahre: 104,9 Prozent.

» Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: Rund ein Drittel der Frauen verlässt das Haus innerhalb des ersten Monats, ein Drittel der Frauen bleibt bis zu drei Monaten und ein Drittel maximal bis zu einem Jahr.

» Durchschnittliches Alter: Zwölf Prozent jünger als 20 Jahre; 68 Prozent sind zwischen 20 und 40 Jahre; 20 Prozent sind 40 Jahre und älter.

» Nach dem Frauenhaus: 20 Prozent aller Frauen kehren zu ihrem Partner zurück; 30 Prozent entscheiden sich für eine Zukunft in einer eigenen Wohnung; 13 Prozent ziehen zu Bekannten oder Freunden; zehn Prozent ziehen in eine andere Institution; die restlichen Frauen finden andere Möglichkeiten.

» Pro Jahr suchen hier rund 63 Frauen Schutz. Acht Frauen kann gleichzeitig Unterkunft gewährt werden. In zwei Übergangswohnungen können vier weitere Frauen leben.     

Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses sind unter Tel. 05-1755-577 rund um die Uhr erreichbar.