Vom bettelnden Kater . . .

Vorarlberg / 27.11.2015 • 17:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Foto: Privat

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Mein Kater, namens Coco, nervt mich schon am frühen Morgen! Ich schlafe noch fest und werde urplötzlich wach, weil mir jemand einen Boxhieb ins Gesicht gegeben hat. Ärgerlich öffne ich meine Augen und sehe mich einem Katzengesicht gegenüber und ein lautes „Miau“ zeigt mir, dass da offensichtlich jemand etwas von mir will. Jeden Morgen dasselbe Spiel! Jeden Morgen dieselbe Bettelei! Tag für Tag! Ich stehe auf, wanke noch hundemüde zum katerlichen Fressnapf und fülle ihn mit Futter. Aha, siehst du, Ruhe ist im Stall! Ja, wenn das so ist, nehme ich mir vor, in Zukunft meine Schlafzimmertüre zuzumachen, wenn ich abends ins Bett gehe oder noch besser: ich belege den Kater einfach mit einem Bettelverbot! Klingt aktuell!

Bettelnde Menschen . . .

. . . sind wir seit frühester Kindheit! Schon als Baby haben wir gewusst, dass unser Alarmschrei in den Windeln unter anderem dazu dient, an die Mutterbrust zu kommen, um unseren Hunger zu stillen. Später betteln wir um Süßigkeiten, Freundschaften, gute Noten in der Schule. Wir pumpen Eltern und Großeltern um Geld an, wir betteln nahezu tagtäglich um Annahme und Geborgenheit, um Liebe, um Anerkennung. Denn nichts fürchten wir so sehr wie Liebesentzug; nichts fürchten wir so sehr wie Ablehnung. Dahinter steckt eine unheimliche Angst, und wir spüren, wie wir innerlich verarmen würden. Wir spüren das instinktiv von innen heraus: Wir brauchen, um nicht in einem scheinbar würdelosen Bettlerdasein unser Leben zu fristen, immer ein Gegenüber, ein DU, Möglichkeiten, zu einem DU zu kommen, das uns hilft, Anerkennung und Lebensmöglichkeiten zu erhalten. Das macht ja unsere Würde als Menschen aus! Also: betteln wir danach, ohne dass uns das zunächst vordergründig bewusst ist. Und dann: ja dann tauchen sie auf, die Bettler auf den Straßen und Plätzen und läuten an unseren Haustüren und machen uns unruhig, halten uns einen Spiegel vor und wir vergessen sofort, dass wir selber – zutiefst in unserem innersten Menschsein – immer wieder – gestern, heute, morgen – Bettler sind. Auch dann, wenn wir zum Beispiel in eine Kirche gehen, dort eine Kerze anzünden, betteln wir: „Lieber Gott, mach, hilf, tua öppas!“ Wenn wir dies konsequent weiterdenken: bis zum Ende unseres Lebens hin betteln wir darum, dass uns jemand ein gutes, annehmendes, wohlmeinendes, versöhnendes und lebensbejahendes Wort schenkt! Uns Leben zusagt!

Advent

Ich will jetzt einfach Gott zu Wort kommen lassen. Weil er uns bis ins Mark hinein kennt, sagt er: Ihr Menschen müsst nicht um eure Würde betteln! Ich, Gott, sehe, was ihr im Innersten braucht. Ich werde in meinem Sohn Jesus zum „DU“ für euch. Seht aber bitte zu, dass ihr einander diese Würde auch selbst zusprecht und gönnt! Versteht euer Menschsein in gegenseitige Annahme; setzt euch ein für Frieden und Gerechtigkeit! Nicht Neid oder die Gier nach Macht und Geld dürfen die Maßstäbe eures Handelns sein. Denn damit schafft ihr Unfrieden, Angst und Krieg! Jetzt feiert ihr Advent! Zwar, so sagt ihr, sei zu den „heiligsten Zeiten“ der Teufel los; aber ihr feiert Advent und bereitet euch vor – nicht aufs Betteln, sondern aufs Gönnen, weil ich Gott, euch Leben von Herzen gönne, über euren eigenen irdischen Tod hinaus! Lebensbejahung feiert ihr! Nicht als Bettler, sondern als Menschen, die zutiefst in ihrem Innersten erkannt haben – ja, was wohl?

Fazit

Auch wenn mich mein Kater jeden Morgen nervt: Ich lass die Schlafzimmertüre offen (zumindest bis Weihnachten).

Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hörbranz und Hohenweiler