„Die Antwort war Ablehnung“

Vorarlberg / 08.01.2016 • 19:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wilma Müller (l.) wollte viele Kinder haben. Zurzeit betreut sie Pflegetochter Raphaela und Sohn Sebastian.  hrj
Wilma Müller (l.) wollte viele Kinder haben. Zurzeit betreut sie Pflegetochter Raphaela und Sohn Sebastian. hrj

Wie eine alleinerziehende Mutter mit behindertem Sohn den Alltag meistert.

Heidi Rinke-Jarosch

ludesch. Ein flüchtiger Gruß, dann widmet sich Sebastian wieder dem Spiel mit seinem Kindercomputer. Sebastian ist 22 Jahre alt. Sauerstoffmangel bei der Geburt führte zu einer zerebralen Bewegungsstörung und folglich zu schwerer körperlichen und mentalen Beeinträchtigung.

„Ich wollte immer viele Kinder haben“, sagt Sebastians Mutter Wilma Müller (57). „Doch das Schicksal meinte es anders mit mir.“ Ihr Sohn benötigte immer ihre volle Hingabe. Trotzdem blieb der Wunsch nach mehr Kindern aufrecht. Eines Tages entdeckte sie in einer Zeitung ein Inserat. Der Vorarlberger Pflegekinderdienst suchte eine Pflegemutter. Wenige Monate später zog die zwölfjährige Nathalie bei ihr ein. Nathalie blieb fünf Jahre bei Familie Müller, dann zog sie in eine Jugendwohngemeinschaft. „Jetzt wird sie selbst Mutter“, erzählt Wilma mit Stolz auf ihre Ziehtochter.

Dann kam Raphaela

2003 kam das nächste Pflegekind, die dreijährige Raphaela. Das Mädchen lebt heute noch bei Wilma und Sebastian in der ebenerdigen Dreizimmerwohnung in Ludesch. Mit angezogenen Beinen hockt Raphaela auf dem Sofa und bearbeitet ihr Smartphone. Sebastian, der im Rollstuhl am großen Tisch sitzt, wirkt ein wenig verdrossen. Er kann sich momentan nicht mit seinem Computer beschäftigen. „Das Gerät ist leer und muss aufgeladen werden, Sebastian“, erklärt ihm seine Mutter, „du musst Geduld haben.“

Wilma Müller ist nicht nur Mutter – sie übt auch einen 15-Wochenstunden-Job als Kleinkinderbetreuerin in einer Spielgruppe aus. Sebastian wird während ihrer Arbeitszeit in einer Caritas-Werkstätte betreut. Mit ihrem Gehalt und den Unterstützungen könne sie zwar die Alltagsausgaben bewältigen, „aber für mehr reiche es nicht. Wenn etwas kaputt geht, bin ich nicht in der Lage, Reparaturen oder eine Neuanschaffung zu bezahlen.“ Hohe Kosten fallen insbesondere für Sebastian an. Vor Kurzem brauchte er dringend einen neuen Rollstuhl. Diesen hat „Stunde des Herzens“ finanziert. Diese Vorarlberger Hilfsorganisation kümmert sich in erster Linie um jene Kinder und Familien, die laut eigener Definition „nicht immer die Sonnenseite des Lebens genießen dürfen“.

Mühsam sei es vor allem mit der Landesregierung, „wenn man wegen unerwarteter Mehrkosten Geld braucht“, berichtet Wilma. Mit solch einer Situation wurde sie im vergangenen Jahr konfrontiert: Nach einem chirurgischen Eingriff war Wilma drei Wochen im Krankenstand. In dieser Zeit brachte sie Sebastian in einer betreuten Wohngemeinschaft unter. Obwohl ihr eine Vergünstigung gewährt wurde, waren die Kosten für ihre Verhältnisse hoch. „27 Euro pro Tag ist viel Geld für mich.“

Anderer Antrag bewilligt

Sie suchte beim Land, Abteilung Soziales, um die Übernahme der insgesamt über 500 Euro an. „Doch die Antwort war eine Ablehnung. Außerdem stand in dem Schreiben des Landes, dass ich die Schuldenberatung aufsuchen soll, wenn ich finanzielle Probleme habe.“ Diese Aufforderung habe Wilma besonders empört. „Daraufhin wollte ich Sebastian zusammenpacken und ihn einen Tag lang ins Landhaus bringen. Aber dann wurde mir klar, das kann ich meinem Sohn dann doch nicht antun.“ Merkwürdig sei indes, dass der Antrag auf die Übernahme der Kosten für Sebastians WG-Aufenthalt während ihrer dreiwöchigen Kur bewilligt wurde.

Dann ist da noch die Sache mit dem Pflegegeld. „Es gibt keine Chance von Stufe 5 auf 6 zu kommen“, klagt sie, „auch wenn Sebastian extrem viel Zeit und Pflegeaufwand in Anspruch nimmt.“ Unter anderem muss er aufgrund der Inkontinenz mehrmals täglich gewickelt werden. Und das ist bei seiner Körpergröße und dem Gewicht eine schwere Pflegetätigkeit.“

Die Arschkarte gezogen

Die Behinderung ihres Sohnes habe sie nie gestört, stellt Wilma Müller klar. „Dafür aber die Tatsache, dass man als alleinerziehende Mutter keinen adäquaten Job bekommt. Dadurch zahlen diese Frauen zu wenig Pensionsversicherung ein und müssen folglich mit der Mindest­pension zurechtkommen.“ Sie selbst werde eben aus diesem Grund in naher Zukunft auch zu den Mindestrentnerinnen zählen. „Da läuft etwas schief. Da muss etwas geschehen“, mahnt Wilma. Allerdings sei ihr bewusst, „was Arbeit für uns alleinerziehende Frauen anbelangt, haben wir die Arschkarte gezogen“. 

Ich wollte Sebastian einen Tag lang ins Landhaus bringen.

Wilma Müller

Hilfsorganisation „Stunde des Herzens“, Tschapina 13,
Bürserberg, www.herz.or.at