„Ein Leben wie in einem Käfig“

Vorarlberg / 15.01.2016 • 21:52 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jürgen Türtscher (54) erlebte zwischen 1971 und 1977 am Jagdberg ein Martyrium. Fotos: vn/Archiv, privat
Jürgen Türtscher (54) erlebte zwischen 1971 und 1977 am Jagdberg ein Martyrium. Fotos: vn/Archiv, privat

Missbrauch in Heimen: Land Vorarlberg hat
bis heute 165 Opfer finanziell entschädigt.

Bregenz. Der Vater bei einem Autounfall getötet, die Mutter mit den fünf Kindern überfordert. Jürgen Türtscher (54) war neun Jahre alt, als er ins Heim kam. Das war 1971. Sechs Jahre dauerte sein Martyrium am Jagdberg. Heute, nach über 100 Therapiestunden, spricht der gebürtige Bludenzer offen darüber, was sein Leben geprägt hat: sexuelle Übergriffe, körperliche und psychische Gewalt. Das alles hat er erlebt. Und Türtscher hat überlebt – auch einen späteren Selbstmordversuch. Der heute 54-Jährige ist einer von 267 Vorarlbergern, die sich bei der Opferschutzkommission gemeldet haben. 165 sind bisher finanziell entschädigt worden. Fünf Opfern wurde die Höchstsumme von 25.000 Euro zugesprochen. Türtscher ist einer von ihnen.

Seinen ersten Tag am Jagdberg wird Jürgen Türtscher nie vergessen. „In der Nacht wurde ich von fünf anderen Zöglingen vergewaltigt“, erzählt er. Immer wieder wurde er Opfer von sexuellen Übergriffen. Auch von Erziehern sei er missbraucht worden. Notizen in seiner Schulakte, wo eine sexuelle Gefährdung beschrieben wird, hätten die Behörden alarmieren müssen. Geschehen ist nichts. Hilfe gab es für ihn keine. Der Jagdberg blieb sein Gefängnis.

Das Erziehungsheim war von einem Zaun umgeben. „Wie in einem Käfig“, erinnert sich der gebürtige Bludenzer zurück. Zum Martyrium zählte auch Zwangsarbeit auf dem Acker. „Der Bauer ist mit Traktor und Anhänger heraufgekommen und hat die Kinder ausgesucht und eingesammelt.“ Dann hätten er und die anderen Kartoffeln ernten müssen. Geld gab es freilich keines dafür. Das, so vermutet Türtscher, hätten die Erzieher eingesteckt. „Als Belohnung gab es ein Marmeladebrot“, ist eine der wenigen positiven Erinnerungen.

System der Gewalt

Zum sexuellen Missbrauch und der Ausbeutung kam noch Gewalt. Auch Demütigungen seien auf der Tagesordnung gestanden, sagt Türtscher heute. Eine wissenschaftliche Studie im Auftrag der Bundesländer Tirol und Vorarlberg bestätigt die Erlebnisse des einstigen Jagdberg-Zöglings. „Die Anstaltserziehung habe gewaltvolle Erziehungspraktiken in all ihren Formen der körperlichen, psychischen und sexualisierten Gewalt erzeugt, toleriert und nicht verhindert“, heißt es in dem Papier.

„Die einzelnen Schicksale machen nach wie vor betroffen“, sagt Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker (51). Man könne die Opfer nur um Verzeihung bitten.

Unabhängige Kommission

Vor fünf Jahren hat das Land Vorarlberg eine unabhängige Opferschutzkommission eingerichtet. 153 Männer und zwölf Frauen wurden bisher finanziell entschädigt. In Summe hat das Land in dieser Zeit 1.453.500 Euro an einstige Heimkinder ausbezahlt. In fünf Fällen, so Wiesflecker zu den VN, sei den Geschädigten die Höchstsumme von 25.000 Euro zugesprochen worden. Andere haben deutlich weniger bekommen, was bei manchen Betroffenen für Unverständnis sorgt. „1500 Euro sind ein Hohn gegenüber den Opfern“, so ein früherer Heimzögling in einem Internetforum. Auch Jürgen Türtscher wurde ursprünglich eine deutlich niedrigere Entschädigung zugesprochen. Auch er empfand die Summe als unangemessen und hat das Geld nicht angenommen. Die Kommission lenkte in seinem Fall allerdings ein. Heute spricht Türtscher von einer schnellen und großzügigen Unterstützung.

Nicht alle sehen das so. Zwei Geschädigte haben das Land Vorarlberg auf Schadenersatz geklagt. Ein Fall sei einvernehmlich gelöst worden, ein anderer jedoch noch anhängig, sagt Wiesflecker. Was enttäuschte Opfer betrifft, räumt die Landesrätin ein, sei es sehr schwierig zu beurteilen, inwieweit Geldleistungen die schmerzvollen Erfahrungen wieder­gutmachen können. Die Opferschutzkommission sei eingerichtet worden, damit den Betroffenen der Weg zu einem Gericht erspart werde. Eine große Zahl der Rückmeldungen sei positiv, gibt Wiesflecker die Einschätzung der Kommission weiter.

Neben finanzieller Entschädigung übernimmt das Land auch Therapiekosten. 42 Personen haben das Angebot angenommen. Knapp 90.000 Euro hat das Land dafür bereitgestellt. Zudem werde die Opferschutzstelle weiter offen bleiben, sagt Wiesflecker, die heute stark auf Prävention setzt. Wichtig sei es, die richtigen Konsequenzen aus den Missständen von damals zu ziehen. Das habe auch für die meisten Opfer Priorität. „Es geht darum, dass so etwas nie mehr passieren kann.“

Therapien wirken

Für Türtscher kommen diese Maßnahmen zu spät. Er lebt heute in Wien, bezieht Invalidenpension. „Arbeitsunfähig wegen posttraumatischer Belastungsstörungen als Folge der Erlebnisse am Jagdberg.“ Aber es gibt auch Licht. Die Therapien wirken. Er lasse sich von den Erlebnissen nicht unterkriegen.

Es geht auch den meisten Opfern darum, dass so etwas wie damals nie mehr passieren kann.

Katharina Wiesflecker

Entschädigung von Opfern in Heimen

» Entschädigungen an Opfer von Landes-Einrichtungen bis Ende 2015
Jagdberg 127
Kinderdorf Au-Rehmen 14
Jupident 9
Viktorsberg 4
Sonstige 11
Gesamt 165 (davon 12 Frauen und 153 Männer)

» Zahlungen an Opfer bis Ende 2015
Finanzielle Entschädigung 1.453.500 Euro
Therapiekosten 88.264 Euro