Bei Schulden wird Gesundheit Luxus

Vorarlberg / 25.01.2016 • 19:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wer die Schuldenberatung in Anspruch nehmen muss, hat oft mehr als nur ein großes Finanzproblem. Foto: meznarmedia
Wer die Schuldenberatung in Anspruch nehmen muss, hat oft mehr als nur ein großes Finanzproblem. Foto: meznarmedia

Schulden machen krank. Vernetzung von Sozial- und Gesundheitssystem nötig.

Lustenau. (VN-mm) Schulden machen krank, und Krankheiten führen in die Schuldenfalle: Der Leiter der IfS-Schuldenberatung, Peter Kopf, hätte seine Ausführungen auf einen Satz begrenzen können. Doch die Problematik geht tiefer. „Um Betroffene wirksam unterstützen zu können, müssen Sozial- und Gesundheitseinrichtungen zusammenarbeiten“, betonte Kopf anlässlich des ersten Dialogtages zum Thema „Schulden und Gesundheit“, der gestern, Montag, im Sozialzentrum „Schützengarten“ in Lustenau etwa 50 Experten aus den verschiedensten Einrichtungen zusammenführte.

Handeln tut not, wie zwei Studien belegen. Ihnen zufolge ist das Risiko für Krankheiten bei verschuldeten Menschen deutlich höher als bei nicht verschuldeten. „Das muss als Alarmsignal gesehen werden“, sagte Peter Kopf. Denn diese Personen können sich Gesundheit im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten. Gesundheit werde zum Luxusgut, weil sich alles nur noch um die Sicherung der Existenz drehe. Im vergangenen Jahr etwa suchten 450 Personen die Unterstützung der Schuldenberatung, weil eine Krankheit sie in die Überschuldung katapultierte. Nicht vergessen werden dürfe auf die mitbetroffenen Kinder. 2015 waren es immerhin rund 3000.

Von Schnupfen bis unheilbar

In Vorarlberg liegt die durchschnittliche Überschuldung derzeit bei rund 80.000 Euro. Das Bemühen, Geld wenigstens für die täglichen Notwendigkeiten aufzubringen, setzt die Betroffenen enorm unter Druck. Stress, Depressionen, Schlafstörungen und andere psychische Probleme sind die Folge. Eng verbandelt mit Schulden sind auch Suchterkrankungen. Doch Selbstbehalte bei ärztlichen Behandlungen oder Rezeptgebühren werden unerschwinglich. Laut einer 2014 vom Dachverband der staatlich anerkannten Schuldenberatungen (asb) erstmals in Österreich durchgeführten Befragung gaben 54 Prozent der Klienten von Schuldenberatungen an, gesundheitliche Probleme zu haben. „Die reichten von Schnupfen bis zu unheilbaren Erkrankungen“, berichtete Maria Fitzka. Zudem würden diese Menschen oft älter erscheinen als sie tatsächlich sind. Bei jedem siebten Klienten war aufgrund seiner Erkrankung nicht einmal eine Schuldenregulierung möglich. „Deshalb braucht es dringend eine bessere Vernetzung zwischen Schuldenberatungen und Gesundheitsbereich“, forderte auch Fitzka.

Bei der IfS-Schuldenberatung wurde bereits damit begonnen, Klienten auch nach ihrem Befinden zu fragen und gegebenenfalls an die entsprechenden Stellen zu vermitteln. „Die Leute nehmen diese Hilfe gerne an“, hat Peter Kopf festgestellt. Und: „Je früher das geschieht, umso besser die Chancen, sich finanziell und gesundheitlich zu erholen und schuldenfrei zu werden.“ In diesem Zusammenhang erneuerte Kopf die Forderung, die Zehn-Prozent-Hürde beim Privatkonkurs abzuschaffen. „Das wäre eine enorme Entlastung für die Schuldner“, zeigt sich Kopf trotz Stillstands in dieser Frage weiterhin als „verzweifelter Optimist“. Auch, weil sich die Prävention im Schuldenbereich rechnet. Jeder Euro komme 5,3-fach zurück. 

Schulden und Folgen

» 71 Prozent leiden an Stress

» 63 Prozent plagen Depressionen

» 60 Prozent haben Schlafstörungen

» 58 Prozent klagen über psychische Probleme

» 40 Prozent sind mit Sorgen und Angstzuständen konfrontiert

» 28 Prozent laborieren an Rückenschmerzen

» 13 Prozent sind von einer Sucht­erkrankung betroffen