Wie eine kleine Stadt unter Tage

Vorarlberg / 02.03.2016 • 18:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Großbaustelle Obervermuntwerk II: Die Arbeiten für das 560-Millionen-Euro-Projekt laufen seit Mai 2014 und liegen bislang im Zeitplan. Fotos: VN/Paulitsch
Großbaustelle Obervermuntwerk II: Die Arbeiten für das 560-Millionen-Euro-Projekt laufen seit Mai 2014 und liegen bislang im Zeitplan. Fotos: VN/Paulitsch

Auf Kraftwerksbaustelle Obervermunt II eröffnen sich dem Besucher neue Dimensionen.

Gaschurn. Es ist eine eigene Welt, die sich dem Besucher da unter Tage eröffnet. Wie eine kleine Stadt mutet die Großbaustelle des Obervermuntwerks II an, das die Illwerke VKW derzeit auf der Bielerhöhe im Gemeindegebiet Gaschurn in den Berg treiben. Autos kurven durch das zehn Kilometer umfassende Stollenlabyrinth, Maschinen schlagen ihre stählernen Pranken in den Stein, und dazwischen huschen geschäftig in Leuchtjacken gekleidete Menschen umher.

300 Meter in die Tiefe

Wo auch immer der Zaungast steht und staunt: Die Dimensionen der Anlage sind so gewaltig, dass die Arbeiter wie Miniaturen erscheinen. Allein die Krafthauskaverne, wo schon bald zwei Turbinen eingesetzt werden, ragt 40 Meter in die Höhe. Noch imposanter nimmt sich das sogenannte Wasserschloss aus. Es sorgt unter anderem dafür, dass bei einer Betriebsstörung der Druck des einströmenden Wassers entweichen kann. Da ist Volumen gefordert. So verliert sich der Blick von oben in eine sagenhafte Tiefe von knapp 300 Metern. Die Unendlichkeit lässt grüßen.

Im Mai 2014 sind die Bagger für das 560-Millionen-Euro-Projekt aufgefahren, ein Jahr später als ursprünglich geplant. Verschiedene Einsprüche verzögerten den Baustart. Die Inbetriebnahme soll trotzdem wie vorgesehen im Frühjahr 2018 erfolgen. „Das Zeitkorsett ist enger geworden“, weiß auch Bauleiter Herbert Schnetzer. Doch nach über 30 Jahren in diesem Job kann ihn kaum noch etwas erschüttern.

Gleichwohl ist das Obervermuntwerk II seine bisher größte Baustelle. Zur Seite steht ihm ein Team von 20 Mitarbeitern. Eine Herausforderung sei das Projekt von Anfang an gewesen, bekräftigt Schnetzer. Sowohl technisch wie wirtschaftlich galt es, die besten Lösungen zu finden. Allein die Ausschreibung umfasste rund 5100 Einzelleistungen. „Jeder Schritt muss von vorneherein geplant sein“, erzählt der Bauleiter weiter.

Jede Verzögerung kostet Zeit und noch mehr Geld. Wenigstens kam der milde Winter den Bauarbeiten entgegen. Dennoch gehört es zum Repertoire, die rund um die Baustelle definierten dreißig Gefahrenzonen täglich genau zu begutachten und einzuschätzen.

Zwei Turbinen

In den vergangenen Monaten lag der Schwerpunkt auf dem Vortrieb. Der ist inzwischen fast geschafft. Jetzt stehen andere wichtige Arbeiten an. Dazu gehört beispielsweise die Auskleidung der Stollen und Schächte mit Beton. Oder: Rohre, deren Umfang die Menschen, die an ihnen arbeiten, geradezu winzig machen, werden Stück für Stück zusammenmontiert und verschweißt. Die Nähte müssen verschlossen sein wie eine Auster. Im kommenden Jahr geht es an den Einbau der beiden Turbinen. Sie sind die Herzstücke des Kraftwerks.

Anfang 2018 beginnt schließlich die Testphase, zuerst ohne, dann mit Wasser. An die 150 Kubikmeter pro Sekunde schießen im Regelbetrieb auf die Maschinen herab.

Beton aus Gestein

Rund 450 Personen sind damit beschäftigt, die ehrgeizigen Pläne für das zweitgrößte Kraftwerk der Illwerke VKW nach und nach umzusetzen. Die Baustelle steht nie still. Rund um die Uhr wird unter, aber auch über Tage gearbeitet. Dort erfolgt die Betonaufbereitung. Über eine Spezialanlage kann abgebautes Gestein zu Beton veredelt werden. „Das macht 35.000 Lkw-Fahrten weniger“, merkt Herbert Schnetzer an.

Er ist mit uns in das Dunkel abgetaucht. Sicher steuert er das schlammverkrustete Auto mit eingeschalteter Warnblinkanlage durch die engen Stollen. Uneingeweihte würden sich hier vermutlich heillos verfahren. Vorsicht ist immer und überall geboten, denn Baumaschinen haben hier Vorrang. Noch fällt es allerdings schwer, sich dieses riesige Loch im nackten Fels fertig vorzustellen.

Ökoexperten vor Ort

Täglich sind auch Ökologen im Stollen anzutreffen. Sie achten darauf, dass die Umweltauflagen möglichst eingehalten werden. Die Experten sind bislang zufrieden, so, wie es läuft.

Sie und die Arbeiter sind auch das Dunkel gewohnt, wir nicht. Die Augen sehnen sich plötzlich nach Helligkeit. Als wir nach gut zwei Stunden wieder auftauchen, ist es, als ob jemand das Licht angeknipst hätte. 

Die Baustelle steht nie still. Es wird rund um die Uhr gearbeitet.

Herbert Schnetzer
Die Rohre werden im Stollen Stück für Stück zusammenmontiert und verschweißt.
Die Rohre werden im Stollen Stück für Stück zusammenmontiert und verschweißt.
In den engen Stollen ist immer Vorsicht geboten.
In den engen Stollen ist immer Vorsicht geboten.

Zahlen und Fakten

» 460.000 Kubikmeter Material wurden aus dem Berg geschafft

» 210.000 Arbeitsstunden flossen in Planung und Leitung

» 86.000 Kubikmeter Beton wurden bislang verbaut

» 1000 Tonnen Sprengstoff wurden für den Ausbruch benötigt.