„Geh hin zur Biene und lerne von ihr . . .“

Vorarlberg / 29.04.2016 • 18:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Dieser Spruch war schon in der Antike bekannt. Er sollte den Menschen diese geflügelten Wesen zum Vorbild machen. Ihr besonderer Fleiß wird gelobt, ihre Ordnungsliebe, ihre Fürsorge und Sauberkeit, ihr Gehorsam und ihr Gemeinschaftssinn.

Heute würde man noch andere Bienen-Eigenschaften hervorheben: ihren Orientierungssinn und ihr Organisationstalent, ihre demokratischen Fähigkeiten – die Bienenkönigin ist keine absolute Herrscherin, im Gegenteil, alle entscheiden gemeinsam als Schwarm, erforschen kollektiv den Sachverhalt, debattieren lebhaft und finden schließlich einen Konsens. Ihre Waben stehen überdies für eine geniale Architektur.

Gegen übersteigenden Arbeitseifer und Leistungsdruck gibt es auch ein „Lob der Faulheit“. Im Winter stellen die Bienen ihre Arbeit ein und betreiben Müßiggang. Sie halten eine Art Winterschlaf und kuscheln sich um die Königin.

Der Prediger und Barockdichter Abraham a Sancta Clara ist beeindruckt von ihrer tiefen Frömmigkeit: „Bevor sie auf die Blumen ausfliegen, da machen sie mit den vorderen zwei Füßen ein Kreuz, und bücken sich ganz tief, dass sie also ihre Arbeit mit Gott anfangen.“

In der Bibel haben Bienen keinen besonderen Stellenwert. Gemeint sind meistens Wildbienen. Sie leben in Felsspalten, hohlen Bäumen, Erdhöhlen; sogar in Tierkadavern können sich Bienenschwärme niederlassen. Sie werden als angriffig und wehrhaft beschrieben und verglichen mit feindlichen Soldaten. Auf Althebräisch ist das Wort für „Biene“ dasselbe wie für den Mädchennamen „Debora“. Das sagt schon vieles!

Eine Wabe voller Köstlichkeit

Ungemein häufiger wird ihr köstliches Produkt erwähnt: Der Honig. „Iss Honig, mein Sohn, denn er ist gut.“ (Sprüche 24,13) Die Kundschafter der Israeliten waren begeistert, als sie das gelobte Land Kanaan erkundet hatten: „Es fließt wirklich Milch und Honig darin.“ (4. Mose 13,27)

Im biblischen Hohelied werden die Wonnen der Liebe mit dem Genuss köstlichen Honigs verglichen: „Von deinen Lippen, meine Braut, träufelt Honigseim.“ (4,11) Und von Johannes dem Täufer wird berichtet, dass er sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt habe (Matthäus 3,4).

Ambrosius, Bischof von Mailand und Schutzpatron der Imker, war ein großer Seelentröster und hat in der Not stets das rechte Wort gefunden. Die Legende sagt, Bienen seien ihm – als er noch in der Wiege lag – in den Mund gekrochen und hätten ihn mit Honig genährt, was sein besonderes Redetalent erklären sollte.

Der Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux hat nicht nur zum Kreuzzug aufgerufen, er war auch als Meister der honigsüßen Beredsamkeit bekannt, weshalb er „doctor mellifluus“ („honigfließender Lehrer“) genannt wird. Ein pausbackiger Putto aus Gips schleckt verstohlen Honig aus einem Bienenkorb und drückt sich bestätigend an den Bernhards-Altar in der Wallfahrtskirche Birnau.

Ein neuer Trend

Die Imkerei steht wieder hoch im Kurs. Überall summt und brummt es – in Gärten, selbst auf den Dächern in der Stadt, auf der Pariser Oper, der Bonner Kunsthalle, dem Berliner Dom und anderswo. Die Hobby-Imkerei ist bei Weitem nicht nur eine Rückkehr zur Idylle, sie ist auch ein Protest gegen die Ausbeutung naturnaher Räume und den zunehmenden Einsatz von Pestiziden in der Agrarwirtschaft, die unter anderem das Sterben von Bienenvölkern verursachen. „Wenn die Bienen sterben, sterben auch die Menschen“, soll angeblich Albert Einstein gesagt haben. Oder so: Wer sich nicht um das Kleine kümmert, dem wird bald auch das Große entgleiten.

Da wäre noch ein attraktives Geschenk, demnächst zum Muttertag: Eine Bienenpatenschaft! Sie unterstützt eine Initiative, die sich stark macht für die kleinen „Honigvögelein“, die gefährdet sind und sich sehnen nach gesunden, bunten Blumenwiesen. Die beschenkten Mütter bekommen dafür eine Urkunde, einen Lippenbalsam auf Bienenwachsbasis und jährlich ein Glas Honig!

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach,

evangelischer Pfarrer i. R.