Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Dame mit Äffin 1

Vorarlberg / 31.05.2016 • 19:38 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die neue Geliebte ihres Mannes war der Grund gewesen, warum sie ihn verlassen hatte. Sie saß viel in ihrem Zimmer und starrte zum Fenster hinaus. Sie wusste, es würde immer schwieriger werden, unter Leute zu gehen. Sie hatte Essensvorräte, die reichten ein halbes Jahr. Würde sie ein halbes Jahr ihre Wohnung nicht verlassen, wäre sie Patientin für die Psychiatrie. Sie hielt keine Menschen aus. Keine alten, keine jungen, keine Kinder. Was ihr blieb: Tiere.

Also ging sie in den Zoo.

Als sie bei der Gorilladame stehenblieb, die hinter Gittern lebte, begann sie mit ihr zu sprechen. Kamen Leute dazu, verstummte sie. Gingen sie weg, fing sie wieder an. Ihre Stimme war mild. Sie klagte ihr Leid.

Die Äffin hatte Mitleid mit ihr. Sie sah ihre vom Weinen geschwollenen Augen und die ungesunde Gesichtsfarbe.

„Komm näher“, sagte die Äffin und umklammerte die Gitterstäbe, „es gibt nichts, wovor du dich fürchten müsstest“, und ließ zu, dass die Frau ihre Finger berührte.

Die Äffin hieß Cosima und war ein Flachlandgorilla. Das las die Frau auf der kleinen Tafel unterhalb ihres Gefängnisses. Weit und breit sah sie keinen Besucher mehr, keine Aufseher, man hatte die Frau übersehen und den Zoo für die Nacht hinter ihr abgeschlossen. Cosima kam an die Tür und deutete ihr einzutreten. Die Frau glaubte die Tür verschlossen, aber als sie dagegenschlug, sprang sie auf. Cosima umarmte sie mit ihren Fellarmen, sie waren wie ein überlanger Gürtel, der sie zweimal umschlang. Was für eine Spannweite, dachte die Frau. Sie erinnerte sich, gelesen zu haben, dass Gorillas anhand ihres Nasenabdrucks identifiziert werden.

„Mein zweites Ich bist du“, sagte Cosima.

„So einen schweren Gedanken kannst du fassen?“, fragte die Frau.

„Es sind nur Worte, mehr nicht“, sagte Cosima.

Die Frau setzte sich auf ihren Schoß und schloss die Augen. Käme eine Sintflut, ihr würde nichts geschehen.

„Glaube nicht“, sagte Cosima, „ich schütte Wasser durch einen Drahtkorb, um ihn zu füllen.“ Sie war sehr klug. Die Frau hatte noch nichts gesagt, nichts von Bedeutung.

„Längst schon sollte ich gestorben sein“, fuhr die Äffin fort. „Ich bin über der Zeit, deshalb werde ich wie ein Unikum gepflegt. Sie wollen Sachen an mir ausprobieren, die dann eurerseits interessant sein könnten. Lebensverlängernde Maßnahmen.“

Da sagte die Frau: „Ich bitte dich, Cosima, zähle mich nicht zu den Menschen, lass mich bei dir auf dem Schoß sitzen, bis alles vorbei ist.“

Die Äffin lachte, dabei verzog sich ihr Gesicht, und ihr Mund wurde breit und groß wie eine Höhle. Alle ihre Schwestern und Brüder waren schon Jahre tot. Im Oktober würde sie achtundsechzig Jahre alt werden. Beinahe so alt war die Frau.

Würde sie ein halbes Jahr ihre Wohnung nicht verlassen, wäre sie Patientin für die Psychiatrie.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.