Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Dame mit Äffin 2

Vorarlberg / 07.06.2016 • 18:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am Morgen kam ein Pfleger zu Cosima, der Äffin. Die Frau versteckte sich unter ihrem Bauch. Der Pfleger trug einen weißen Kittel, nahm der Äffin eine Speichelprobe ab und sprach kein Wort mit ihr.

„Unsereins“, sagte die Äffin, als der Pfleger gegangen war, „unsereins steht auf der roten Liste, wir sind vom Aussterben bedroht.“

„Ich auch“, sagte die Frau.

Sie hätte gern ihr graubraunes Fell gestreichelt, traute sich aber nicht. Es war noch zu früh für solche Vertraulichkeiten.

„Mein Mann“, sagte die Äffin, „hatte eine Silberfärbung auf dem Rücken, er war sehr eitel.“

„Wie mein Mann“, sagte die Frau leise. „Er war auch sehr eitel. Hat sich deiner auch ständig nach anderen Weibchen umgesehen?“

„Das ist eben ihre Art“, sagte Cosima, „das sollte uns nicht kümmern.“

Cosima hatte ihr Zuhause mit den Nebel- und Regenwäldern nicht vergessen. Der Käfig, in dem sie saß, maß wohl nicht mehr als fünf Meter in der Breite und zwei Meter in der Tiefe. Am Boden lag schmutziger Sand. Es war eine Beleidigung für die reinliche Cosima. Manchmal verrichtete ein Wärter seine Notdurft in ihrem Käfig. Dann nahm sie den Besen und verteilte den Sand. Sie war wütend, setzte sich wieder und lauerte in den Wahnsinn hinein. Wie die Frau es tat, seit ihr Mann sie verlassen hatte. Cosimas Augen waren keine Lichter mehr.

„Dieses Höllengrauen muss aufhören“, sagte die Frau zu Cosima.

Sollte sie die Äffin mit Tabletten töten, am liebsten solche für den Schlaf, so dass sie hinüberdämmert zu ihrer Sippe?

„Was du denkst“, sagte Cosima, „ist falsch, du bist kleingeistig, zu töten ist feige, und wir Frauen müssen ein Vorbild für die vielen Frauen sein, die gefangen sind wie wir.“

„Was meinst du“, fragte die Frau „wenn du sagst, wir sind gefangen? Du bist gefangen, aber ich nicht.“

„Du fühlst dich gefangen und bist damit nicht weniger gefangen als ich hinter den Gitterstäben. “

So redeten sie. Beide hatten müde Augen. Man hatte der Frau eine Spritze in den Augapfel versetzt, damit wollte man ihr krankes Auge retten. Cosima sagte, sie sei froh, wenig zu sehen, alles Schleierhafte gehe ihr nicht so nahe wie das klare Krasse. Sie habe schon versucht, kein Essen mehr zu sich zu nehmen, so dass sie hungers sterben könnte, sie hielt es aber nicht durch. Der Hunger war stärker, und so aß sie wieder mit großem Appetit.

Cosima rollte sich zusammen, so gut sich eine Gorillafrau eben zusammenrollen kann, sah aus wie ein gemütliches Kanapee. Die Frau tippte mit ihrem Zeigefinger auf Cosimas Nasenspitze und verließ den Zoo, den Kopf gesenkt wie eine Sünderin, dabei fühlte sie sich ohne Schuld.

Cosima hatte ihr Zuhause mit den Nebel- und Regenwäldern nicht vergessen.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.