Angst vorm Handeln nehmen

Vorarlberg / 17.06.2016 • 22:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vorarlberg hat ein Maßnahmenbündel gegen Kinder- und Jugend­suizid geschnürt.

Frastanz. (VN-mm) Nimmt sich ein Kind das Leben, ist das ein „Super-GAU“ für die Familie, aber auch für Verwandte und Freunde. Primar Robert Strohal hat ihn erlebt. In die Verzweiflung, die der Tod seines Sohnes mit sich brachte, mischte sich jedoch das Bedürfnis, etwas dagegen zu tun. Er führte Gespräche, und innerhalb von zwei Jahren entwickelte die Werkstatt für Suchtprophylaxe (SUPRO) ein Maßnahmenbündel, mit dem Vorarlberg österreichweit federführend in der Sui­zidprävention bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist, wie bei der Präsentation im Suchtkrankenhaus Maria Ebene betont wurde.

„Es geht darum, jeden Fall zu verhindern und einen Kontrapunkt zu Suizidforen zu setzen“, so Robert Strohal.

Viele Suizidversuche

In Vorarlberg wählen jährlich etwa 40 Menschen den Freitod. Das ist im Österreichvergleich zwar ein guter Wert. „Doch hier geht es nicht um Zahlen, sondern um Menschen“, betont auch Gesundheitslandesrat Christian Bernhard die Notwendigkeit, die Hilfe weiter auszubauen. „Wer an Suizid denkt, will nicht sterben, nur so nicht mehr weiterleben. Es liegt an uns, die Rahmenbedingungen für dieses Weiterleben zu schaffen“, betont Bernhard. Auch Suizidversuche sind ein Hilfeschrei. Solche kommen laut dem ehemaligen Psychiatrieprimar Albert Lingg besonders bei Kindern und Jugendlichen häufig vor. Jeder Versuch sei ernst zu nehmen. Gleichwohl vollendete Kindersuizide sehr selten sind, hält es Lingg für wichtig, diese Gruppe besonders zu beachten. „Es gibt Indizien, dass wieder mehr Kinder in Not sind“, begründet er. Primar Reinhard Haller, Leiter des Suchtkrankenhauses Maria Ebene, bestätigt solche Tendenzen. Haller zitiert Studien, wonach sich schon Sechsjährige mit Selbstmord befassen. Deshalb müsse die Prävention vorher einsetzen.

Flyer und Internetplattform

Damit beauftragt wurde die Werkstatt für Suchtprophylaxe. „Jugendsuizid ist noch immer ein Tabuthema und stark mit Angst belegt“, berichtet SUPRO-Leiter Andreas Prenn. Das verhindere vernünftiges Reagieren. Ziel der Maßnahmen sei deshalb, den Menschen diese Angst zu nehmen. „Es geht darum, sie zu informieren, zu sensibilisieren und zu befähigen, im Notfall zu handeln“, definiert Prenn. Unter dem Titel „Bitte lebe“ wurden Flyer mit Informationen sowie Kontaktdaten von Anlaufstellen kreiert. Sie enthalten unter anderem Fakten, die mit Ammenmärchen aufräumen. Etwa mit dem Vorurteil „Wer damit droht, sich umzubringen, macht es sowieso nicht“. Prenn: „80 Prozent aller Suizide werden vorher angekündigt.“ Zusätzlich soll die Internetplattform www.bittelebe.at Freunde, Bezugspersonen und Eltern von gefährdeten Jugendlichen dabei unterstützen, mögliche Signale zu erkennen.

Außerdem werden in Form von Videoclips Gesprächs- und Verhaltenstipps angeboten. Weiters findet am 23. und 24. September in Götzis eine österreichweite Tagung zum Thema statt. Ebenfalls geplant ist die Erstellung eines Fortbildungskonzepts für die Suizidprävention in Schulen. Sie können, heißt es, einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung leisten. Alarmzeichen bei Kindern und Jugendlichen, die hellhörig machen sollten,
sind Verhaltensänderungen, Rückzug, Verschlossenheit, Kränkungsreaktionen und Selbstwertzweifel. Auch Depressionen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch erhöhen das Suizidrisiko.

Es gibt starke Indizien, dass wieder mehr Kinder in Not sind.

Albert Lingg

Jugendsui­zid ist ein Tabuthema und mit viel Angst belegt.

Andreas Prenn