Ausgleichstaxe statt Arbeit

Vorarlberg / 12.07.2016 • 20:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vorarlberg liegt bei der Einstellung von Behinderten abgeschlagen an letzter Stelle.

Bregenz. (VN-mm) Über 72 Millionen Euro flossen im vergangenen Jahr aus dem Sozialfonds in die Integrationshilfe. Allein für die Förderung von Arbeitsplätzen in der Wirtschaft wurden 7,5 Millionen Euro an Lohnkostenzuschüssen aufgewendet. Gleichzeitig lassen Unternehmen bei der Erfüllung der Beschäftigungspflicht nach dem Behinderteneinstellungsgesetz kläglich aus.

Schlusslicht

Mit einem Minus von knapp 40 Prozent liegt Vorarlberg im Bundesländervergleich deutlich abgeschlagen an letzter Stelle. Auch Tirol ist säumig, der Abstand zum Vorletzten beträgt jedoch fast 20 Prozent. Alle anderen Bundesländer, Salzburg noch ausgenommen, erfüllen ihr Soll. Das geht aus einer aktuellen Anfragebeantwortung des Sozialministeriums hervor. Kleiner Trost: Gegenüber 2014 wurden in Vorarlberg zumindest um 2,8 Prozent mehr Menschen mit Behinderung eingestellt.

Potenzial in Spitälern

Das Behinderteneinstellungsgesetz schreibt vor, dass Dienstgeber mit 25 und mehr Beschäftigten verpflichtet sind, auf je 25 Dienstnehmer mindestens einen begünstigten Behinderten einzustellen. Kommt der Dienstgeber diesem gesetzlichen Auftrag nicht nach, ist für jeden nicht besetzten Pflichtplatz monatlich eine Ausgleichstaxe zu entrichten. Den Berechnungen zufolge müssten in Vorarlberg 408 begünstigte Behinderte beschäftigt werden, tatsächlich sind es aber nur 248 Personen. Gesundheitslandesrat Christian Bernhard weiß um dieses Ost-West-Gefälle und begründet es unter anderem damit, dass große Teile der Integrationshilfe (Jupident, Lebenshilfe usw.) aus der Landesverwaltung ausgelagert wurden. In der engeren Verwaltung werde die Einstellungspflicht zu 180 Prozent erfüllt. Das macht 125 statt 71 Menschen mit Behinderung, die im Landesdienst arbeiten. Potenzial ortet Bernhard noch in den Landesspitälern, wenngleich es dort schwierig sei. „Die Kleinheit setzt uns zwar Grenzen, aber wir sind dran“, versichert Bernhard.

Inklusive Region als Ziel

Einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung auf dieser Ebene soll etwa die Aktion „Inklusionsfreundliche Betriebe“ leisten, bei der Firmen ausgezeichnet werden, die Menschen mit Behinderung einstellen. Auch sonst will Vorarlberg bis 2020 eine inklusive Region werden. Es soll keine isolierten Welten mehr geben, sondern ein selbstverständliches Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung. „Ein ambitioniertes Ziel, aber noch ein weiter Weg“, stellte Bernhard bei der Präsentation des Integrationsberichts nüchtern fest. An Herausforderungen mangelt es nämlich wahrlich nicht.

Die Zahl der Menschen mit komplexen Behinderungen und damit aufwendigerem Betreuungsbedarf nimmt zu. Eine neue Zielgruppe kristallisiert sich bei alten Menschen mit Behinderung heraus. „Für sie gilt es, neue Unterstützungsformen zu finden“, sagte Elisabeth Tschann vom Fachbereich Integrationshilfe. Erste Vorhaben gibt es. Bis 2018 sollen 30 alte Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf aus Einrichtungen der Integrationshilfe in Pflegeheime bzw. Sozialzentren übersiedeln können. Auch die Inklusion im Regelschulwesen wurde als wichtiges Anliegen betont. Hier wird laut Tschann eng mit dem Landesschulrat zusammengearbeitet. Neu ist ab Herbst ein heilpädagogischer Kindergarten mit sieben Plätzen in Dornbirn. Zusätzlich erfolgt ein Ausbau der heilpädagogischen Sprechtage. Tschann bezeichnete es als vordringlich, Kinder so früh wie möglich zu fördern.

Berührungsängste

Doch Inklusion muss auch in der Gesellschaft ein tragfähiges Netz erhalten. „Die Wünsche und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind allen bewusst, aber der Umgang damit ist noch von Berührungsängsten geprägt“, sagte Christian Bernhard und fügte an: „Hier müssen wir einen Schritt weiterkommen.“

Kinder sollen so früh wie möglich gefördert werden.

Elisabeth Tschann

In der engeren Landesverwaltung erfüllen wir die gesetzliche Einstellungspflicht zu 180 Prozent.

Christian Bernhard

Fakten 2015

» 42 Millionen Euro flossen in die gesellschaftliche Teilhabe

» 8,9 Millionen Euro gingen in die gesundheitliche Rehabilitation von Kindern

» 10.363 Personen wurden insgesamt unterstützt

» 5252 Personen waren unter 18 Jahre alt

» 2170 Personen waren 60 Jahre und älter