Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Keine Tiefe

19.07.2016 • 16:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Warum“, fragte die Mutter ihre Tochter, „warum um Himmelswillen ist dir keiner gut genug? Du bist jetzt achtundzwanzig und lebst wie eine Schülerin. Du kannst nicht nur schlafen und lesen oder studieren, wie du zum Lesen sagst. Du musst der Wahrheit ins Gesicht sehen. Hättest du noch deinen Vater, der Geld nach Hause bringt, könnte ich das alles verkraften, aber so werde ich bald auf dein Geld angewiesen sein, und wenn du nicht arbeiten kannst, heirate einen, der dich erhalten kann. Was ist zum Beispiel mit dem sportlichen Mann, der dich auf eine Motorradfahrt eingeladen hat? Ich habe mich erkundigt, er kommt aus einem guten Haus und arbeitet in der Firma seines Vaters. Etwas mit Computern, Tiffi, ich rede mit dir!“

 

Tiffi lag im Bett und legte das Buch auf die Seite. Bald würde Abend sein, und sie hatte noch nicht einmal gefrühstückt.

„Willst du verhungern, Tiffi?“

„Ich werde Schriftstellerin“, sagte sie. „Das viele Lesen macht mich klug. Habe ich erst fünftausend Bücher gelesen, werde ich mit dem Schreiben anfangen. Das hier ist mein dreitausendeinhundertelftes Buch. Hab Geduld, Mama!“

 

Aber die Mutter war mit ihrer Geduld am Ende. Sie hatte in einem Heft die Telefonnummern von Tiffis Freunden aufgeschrieben. Gut, Freunde war etwas zu viel gesagt. Männer, mit denen Tiffi einmal unterwegs gewesen war. Zum Essen. Ins Theater. In die Oper. In ein Konzert. Ins Kino. Zu einem Eishockeymatch. Alle diese Männer wollte sie anrufen und einladen. Erst putzte sie das Haus, kaufte von ihrem Ersparten die feinsten Sachen und kochte und kochte. Sie war eine sehr gute Köchin, vom perfekten Steak bis zur raffinierten Nachspeise.

Tiffi kam aus dem Bad und fragte: „Was hast du ihnen über mich erzählt?“

„Ich sagte: Wir feiern dein Diplom.“

„Mein Diplom, mein Diplom, Mama?“

Es muss unbedingt gesagt werden, dass Tiffi für Männer ein Mädchen voller Geheimnisse war, und das gibt es nicht oft. In keinen dieser Männer hatte sich Tiffi wirklich verliebt, am ehesten in den Polizisten, den sie zum Match begleitet hatte. Er las wie sie, zwar nicht so viel, aber er kannte Schriftsteller und Verlage, und er schrieb selber Gedichte.

An einem Samstagabend trafen fünf Männer mit Blumen ein, sie staunten sich an, und beim Essen langten sie kräftig zu. Tiffi erschien in einem eisblauen Kleid. Die Mutter hatte sie geschminkt und frisiert. Sie sollte eine Konversation führen, aber weil sie noch immer so vertieft in ihr Buch war, das sie gerade las, fiel ihr nichts anderes ein, und sie redete über Forensik, Forensik in der Psychiatrie und in der Rechtsmedizin, sie merkte gar nicht, dass sie einen Vortrag hielt. Sie war barfuß.

 

Die Mutter sagte verlegen: „Tiffi kann sich nicht von ihrer Arbeit trennen.“ Die Männer tranken ihre Gläser aus und verabschiedeten sich.

„Alle die da“, sagte Tiffi, „haben keine Tiefe.“

Bald würde Abend sein, und sie hatte noch nicht einmal gefrühstückt.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.