Lyrik, Lesen und Enkelkinder

Vorarlberg / 19.07.2016 • 18:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Albert Lingg blieb dem LKH Rankweil bis zur Pension treu.
Albert Lingg blieb dem LKH Rankweil bis zur Pension treu.

Albert Lingg genießt sein Pensionistendasein und ganz besonders das Familienleben.

Lustenau. (VN-mm) „Zwanzig Jahre war ich wohl wenig zu Hause“, sinniert Albert Lingg und lässt den Blick dabei fragend auf seiner Frau Grete (68) ruhen. Die nickt zustimmend. Nach 43 Ehejahren und fünf Kindern verstehen sich die beiden fast ohne Worte. Dass sie für ihren Mann die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt hat, sieht die gebürtige Niederländerin entspannt. Zwischen Großfamilie und Haushalt ging sich ja noch eine Ausbildung zur Bibliothekarin aus. „Auf alles habe ich also nicht verzichtet“, relativiert Grete mit fester Stimme, in der noch immer ein leichter Akzent mitschwingt. Albert Lingg weiß, was er an ihr hatte und hat. „Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen.“ Es ist eine einfache Feststellung. Umso mehr genießen die beiden jetzt die gemeinsame Zeit und stellen sich auch gerne als Babysitter für die sieben Enkelkinder zur Verfügung.

Mit dem Herzen eingefädelt

Grete und Albert lernten sich während eines Winterurlaubs kennen. Die junge Frau aus Amsterdam hatte im Hotel von Alberts Eltern Quartier bezogen. Am Diedamskopf versuchte der Sohn des Hauses der Flachländerin die richtige Kurventechnik beizubringen. Schließlich fädelte sie nicht nur mit dem Ski, sondern auch mit dem Herzen ein. Fünf Kinder krönten das Glück des österreichisch-niederländischen Zusammenschlusses. Wiewohl Albert Lingg in seiner ärztlichen Tätigkeit aufging, brachte sich der bekennende Rolling-Stones- und überhaupt Musikfan bei der Namensgebung seiner Sprösslinge aktiv ein. So wurde Bianca (42), die Älteste, nach der Ex-Frau von Rolling-Stones-Boss Mick Jagger benannt, und Enno (28), der Jüngste, nach dem Mitbegründer von Roxy Music. Dazwischen lagen noch Stefanie (39), Eva (37) und Christine (34). Da war für einmal Schluss mit musikalischen Vorbildern. Stolz ist der Vater auf alle: „Sie sind aufrechte und kritische Menschen geworden.“ Als er das sagt, wandert sein Blick wieder zu Grete. Ein stummes Dankeschön liegt darin.

Sesshaft geworden

Grete hat auch sein unstetes Leben mitgetragen. Sechs Mal ist die Familie umgezogen. Seit Dezember 2015 wohnen Grete und Albert Lingg in Lustenau, und hier wollen sie bleiben. Das schmucke Eigenheim liegt mitten im Grünen. Fahrräder parken in der offenen Garage, liebevoll angelegte Blumenrabatte zieren den Rasen. Das Innere des schlicht, aber geschmackvoll möblierten Wohnbereiches schmücken Zeichnungen von Edgar „Esche“ Leissing. „Mein Lieblingskünstler“, merkt der Hausherr an. Alte Plattenhüllen auf den Sichtbetonwänden zeugen von der Begeisterung zur Rockmusik, der Albert Lingg in einer Band jahrzehntelang auch selbst frönte. Mit der Pensionierung beendete er dieses Kapitel jedoch. Der Bonus als singender Primar sei aufgebraucht. „Jetzt bin ich nur noch Stones-Fan.“ Der Bemerkung folgt ein breites Schmunzeln. Dabei war es neben dem Lesen und der Natur die Musik, die ihn durch viele anstrengende Berufsjahre getragen und ihm geholfen hat, die Arbeit hinter sich zu lassen. Nun investiert er die Zeit in selbst verfasste Lyrik sowie die Enkel Peter, Iris, Luis, Zita, Marla, Vincent und Pius.

Mit den Kollegen von R.T.F.M. geigte Albert Lingg gerne auf.
Mit den Kollegen von R.T.F.M. geigte Albert Lingg gerne auf.
Gemütlichkeit im eigenen Garten (v.l.): Albert Lingg mit seiner Ehefrau Grete sowie Tochter Eva und Enkel Vincent, die gleich nebenan wohnen.
Gemütlichkeit im eigenen Garten (v.l.): Albert Lingg mit seiner Ehefrau Grete sowie Tochter Eva und Enkel Vincent, die gleich nebenan wohnen.

Ehrenamt/Beiträge

Ehrenamtliche Tätigkeiten

» Obmann der Telefonseelsorge Vorarlberg

» Kuratoriumsmitglied der Stiftung Maria Ebene

» Stellvertretender Obmann im Verein für Seelische Gesundheit

» Beirat im Sunnahof der Lebenshilfe Vorarlberg

» Mitglied im Lenkungsausschuss der Aktion Demenz

» Herausgeber des jährlichen Suizidberichts gemeinsam mit Reinhard Haller

 

Bücher und Buchbeiträge

» Selbstmord – am Leben verzweifeln? (mit Reinhard Haller, 1987)

» Psychische Störungen und geistige Behinderung (2000)

» Enthospitalisierung – ein Etikettenschwindel? (1998)

» Handbuch Krisenintervention
(E. Wüllenweber Hrsg. 2001)

» Wohnen und Leben nach der Enthospitalisierung (1999)

Dr.-Toni-Russ-Preis

Der Dr.-Toni-Russ-Preis wird zusammen mit dem Dr.-Toni-Russ-Ring seit

1970 durch eine Jury, bestehend aus Herausgeber, Redaktion der VN und Preisträgern, an Vorarlberger Persönlichkeiten verliehen, die durch Privatinitiativen dem Land und seinen Menschen wertvolle Dienste leisten und geleistet haben. In die Reihe der Preisträger gehören u. a. der Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, und Bischof Erwin Kräutler. Dieser Preis wird im Gedenken an den ehemaligen Herausgeber und Chefredakteur der VN, Dr. Toni Russ, vergeben. Russ starb am 2. September 1969 im Alter von 55 Jahren.