Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Tag und Nacht

Vorarlberg / 19.07.2016 • 20:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Nachwehen des versuchten Militär-Putschs in der Türkei beschäftigen die österreichische Innenpolitik. Und werfen die Frage auf, wie nah uns dieser oder weitere Konflikte kommen können. Und wie schnell.

 

Schon mitten in der Nacht auf Samstag hatten sich ja am Güterbahnhof in Wolfurt, wo das türkische Konsulat untergebracht ist, 600 Menschen türkischer Herkunft versammelt. 4000 waren es in Wien.

 

Weil ich mir ein Bild machen wollte, war ich auch da: Autokorsos, zahllose türkische Flaggen, fanatisch geschwenkt oder stolz als Mantel getragen, Jugendbilder Erdogans als Banner in Über-Lebensgröße, junge Männer – aber auch Familien mit kleinen Kindern. Halb drei Uhr früh, mitten im dunklen Nirgendwo von Wolfurt. Alles auf den Beinen. Im Umfeld fast ein Hauch von Länderspiel-Stimmung. Bei all den Erdogan-Fan-Parolen, die skandiert wurden, war’s doch eher ein Parteitag. Alle starrten auf ihre Handys, um Nachrichten aus der Heimat ihrer Mütter und Väter zu erhaschen.

 

Gleichwohl: Nicht die moderne Türkei stand da. Da standen Menschen, die sich Minuten nach Erdogans Aufruf aufgemacht hatten, um für den AKP-Anführer auf die Straße zu gehen. Klarer könnte man die Parallelwelt, die wir auch in Vorarlberg seit Jahrzehnten pflegen, nicht sichtbar machen.

 

Eine vom Erdogan-Satellitenfernsehen und von einschlägigen Internetseiten angestachelte Stimmung, eine ferngesteuerte Pseudo-Realität. Man muss feststellen: Vielfach sind noch nicht mal die Enkel der ersten Einwanderergeneration hier angekommen, hängen sie immer noch türkischem Nationalismus nach.

 

Nun ist es ja so: Schon allein türkischer Nationalist mit österreichischem Reisepass zu sein, deutet auf eine gewisse Elastizität im eigenen Weltbild hin.

 

Die Versammlungsfreiheit gilt in unserer Demokratie insbesondere auch für jene, die andere Ansichten als man selbst vertritt. Gerade, wenn’s schwerfällt. Doch im konkreten Fall wird das hiesige Demonstrationsrecht ausgenutzt, um für ein autoritäres Regime einzutreten, das demokratische Prinzipien mit Füßen tritt. Das die Todesstrafe einführen will und sich längst für Europa disqualifiziert hat.

 

Egal, für welche Ziele die in Vorarlberg offenbar reichlich vorhandenen österreichisch-türkischen AKP-Fundamentalisten eintreten, sie müssen sich eine Frage gefallen lassen: Wie kann man tagsüber die Freiheit, die Trennung von Kirche und Staat sowie nicht zuletzt die wirtschaftlichen Vorteile Vorarlbergs genießen – und nachts ein Regime frenetisch bejubeln, das sich längst von europäischen Werten verabschiedet hat? 

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.