Explosiv

Vorarlberg / 21.07.2016 • 20:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Er war ein ganz Großer. Er hat den Aufstieg geschafft. Karl Tizian war der erste demokratisch gewählte Bürgermeister der Landeshauptstadt nach dem Krieg. Letztes Jahr wäre er hundert geworden. Darum hat ihm Bregenz jetzt aus Mitteln der Stadt ein außergewöhnliches Buch gewidmet. Nach Bregenzer Tradition ein Jahr zu spät. Es enthält viel Sprengstoff, in Geschenkspapier verpackt.

 

Sein Großvater Giovanni Tizziani war aus Venetien nach Vorarlberg eingewandert und hatte beim Bau der Arlbergbahn gearbeitet. Karl Tizian selbst war ausgebildeter Historiker und Archäologe, im Brotberuf aber erfolgreicher Tabakverschleißer. In Wahrheit war er für die Politik geboren. Seiner eigenen Volkspartei war er nicht immer geheuer. Die damaligen Landesgrößen haben ihm gehörige Klötze vor die Füße geworfen und etwa seine damals hochtrabenden Pläne für den Bau eines Festspielhauses kräftig torpediert.

 

In seiner strengen italienischen Frömmigkeit war er nach dem Krieg in der geschundenen Stadt auf die Befriedung der politischen Lager aus. Gräben sollten zugeschüttet werden. Dabei setzte er auch Maßnahmen, die aus heutiger Sicht unverständlich sind. Im Jahre 1959 ließ er als Bürgermeister im Stadtarchiv die Aktenbestände über ehemalige Nationalsozialisten vernichten. Ein Historiker vernichtet Akten. Das Gedenkbuch der Stadt Bregenz enthüllt die Hintergründe: „Wahrscheinlich wollte Tizian damit ein ehemaliges Mitglied der NSDAP schützen, nämlich Gerold Ratz (1919−2006), der von 1949 bis 1959 Stadtparteiobmann der Bregenzer ÖVP gewesen war.“ Aus meiner Sicht ist das zu kurz gegriffen.

 

Karl Tizian war in seiner Weltoffenheit ein absolutes Kontrastprogramm zum bodenständigen Landeshauptmann Ulrich Ilg. Der verwehrte dem Bregenzer Bürgermeister denn auch seine Nachfolge als Landeshauptmann und gönnte ihm auch keinen Sitz in der Landesregierung. Als Landtagspräsident konnte aber Tizian von seinen Parteifreunden nicht verhindert werden. Und er war ein grandioser, wortgewaltiger und humorvoller Präsident. Tizians Hauptgegner war aber immer der spätere Landesamtsdirektor Elmar Grabherr, der seine NS-Beamtenkarriere beim Gauleiter Hofer startete und dem später fast alle ÖVP-Größen aus der Hand fraßen. „Es ist auch nicht mehr als recht, dass endlich auch mit Juden abgefahren wird, die mit Ariern verheiratet sind“, wird Elmar Grabherr im Tizian-Buch zitiert. „Dass es dabei im Einzelfall harte Szenen geben musste, ließ sich nicht vermeiden. Wo gehobelt wird, fallen schließlich Späne.“

 

Ihr Fett bekommen im aufwühlenden Buch der Stadt Bregenz auch die damals führenden Redakteure der „Vorarlberger Nachrichten“ ab, die seinerzeit über den Bürgermeister und Landtagspräsidenten Karl Tizian fast immer schlecht bis unfreundlich geschrieben haben. Ein Schicksal, das ich als kleiner Landtagsabgeordneter mit dem großen ÖVP-Politiker geteilt habe. Vielleicht ist mir Karl Tizian gerade deshalb so sympathisch.

Karl Tizian war in seiner Weltoffenheit ein absolutes Kontrastprogramm zum bodenständigen Landeshauptmann Ulrich Ilg.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.