Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Eau de Toilette

Vorarlberg / 26.07.2016 • 18:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Witwer stand vor dem Badezimmerschrank, er hatte schlecht geschlafen, gestern einiges über den Durst getrunken, und jetzt suchte er Kopfwehtabletten. Er fand keine, stattdessen fiel ihm eine Flasche auf, an die er sich vage erinnerte. Es war das Eau de Toilette seiner verstorbenen Frau, ein Duft nach Flieder. Alle ihre Sachen hatte er ausgeräumt und weggeben, die Flasche war übersehen worden. Er öffnete sie, roch daran, hob den rechten Arm und sprühte auf die dunklen Haare in seiner Achselhöhle. Er versuchte sich zu erinnern, wie es an seiner Frau auf ihn gewirkt hatte. Er wusste es nicht mehr, konnte sich nicht einmal an den Fliederduft erinnern. Sie waren zwanzig Jahre verheiratet gewesen, und eines Tages hatte sie über Bauchschmerzen geklagt, oder waren es Magenschmerzen, zwei Tage später war sie tot gewesen.

Ein halbes Jahr war seitdem vergangen. Er hatte viel in seinem Gasthaus gearbeitet, den Koch ausgetauscht, die Serviererinnen, alles Leute, die seine Frau eingestellt hatte. Er wollte das Gasthaus verändern, neue Gäste anlocken. Sich selber hätte er auch gern verändert, was nach außen hin geschah, seine Kleider waren eine Spur ernsthafter, und er untersagte dem Koch, sich mit fleckiger Schürze den Gästen zu zeigen. Die Mädchen waren mehr nach dem Aussehen als ihrem Können eingestellt worden. Er hatte das Problem, sich neue Leute suchen zu müssen, die Mädchen zu kündigen. Eine Frau um die fünfzig stellte er ein, sie sagte, sie würde den Laden auf Vordermann bringen, und das tat sie auch. Ihr Besen war hart. Dieser Frau gelang es, das Gasthaus wirklich zu verändern. Alte Stammgäste blieben aus, neue kamen.

Sie hatte sich vorgenommen, Chefin zu werden, deshalb redete sie nicht um den Brei herum und sagte zu dem Witwer: „Günstig wäre es, wenn wir heiraten, steuerlich und überhaupt.“

Er gab ihr das Jawort.

Bald kam ihr Sohn aus erster Ehe und wollte in das Geschäft eingebunden werden, als Geschäftsführer zum Beispiel. Die Tochter aus zweiter Ehe speiste sonntags mit ihrer Familie, Mann und vier Kindern gratis, weil verwandt. Dem Mann gefiel das nicht, aber er ließ es zu. Geschäftlich ging es gut, privat ging es gar nicht. Ein einziges Mal war die Frau in seinem Bett gelegen. Ihre Haut roch nach Suppe.

Ein ehemaliger Kollege führte ihm seine Tochter zu, ein liebes Mädchen. Er besuchte sie in der Nacht, und wenn er in den Morgenstunden wieder nach Hause kam, war seine Frau bereits in der Gaststube und lüftete. Sie fragte nicht, wo er gewesen sei, und ihm war es recht. Ich muss mir mein Leben eben einrichten, so wie es mir gefällt, dachte er sich, legte sich schlafen und stand erst auf, als das Mittagessen serviert wurde. Bald, so dachte die Frau, werde ich ihn auf die Straße setzen.

Ein einziges Mal war die Frau in seinem Bett gelegen. Ihre Haut roch nach Suppe.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.