„Hab’ schon oft auf dem Gipfel vor Glück geweint“

26.07.2016 • 17:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Lucia Studer bei einer Tour um den Dhaulagiri. Bei dieser Expedition gerieten sie und ihre Kollegen in einen Schneesturm.  Foto: privat
Lucia Studer bei einer Tour um den Dhaulagiri. Bei dieser Expedition gerieten sie und ihre Kollegen in einen Schneesturm. Foto: privat

Frauen haben sich im Alpinismus einen Platz erobert. Drei Bergsteigerinnen im Porträt.

Bludenz. Die Berge wurden schon früh zu ihrer Leidenschaft. Hedwig Bitsche (57) aus Thüringen gehörte bereits als Jugendliche einer Alpenvereinsgruppe an. „So konnte ich meinen großen Freiheitsdrang ausleben.“ Mit Ende Zwanzig hatte sie bereits mehrere Viertausender, darunter den Mont Blanc, bezwungen. Aber sie wollte höher hinaus. 1993 bewältigte sie ihren ersten 6000er. „Man wagt sich langsam heran. Mit der Zeit steigert man sich“, erklärt sie lapidar ihre Entwicklung zur Extrembergsteigerin. Ihre Expeditionen führten sie unter anderem nach Asien, Südamerika und Indien.

Es gibt viele Gründe, warum die Angestellte des Alpenvereins Vorarlberg der Faszination Berg erlegen ist. Im Staccatostil zählt sie sie auf: „Das Wegsein von jeglicher Zivilisation bzw. das Unerreichbarsein; die einsamen Nächte im Zelt unter Millionen von Sternen, das ist mir lieber als ein 5-Sterne-Hotel; nicht mehr der Lichterflut ausgesetzt zu sein, die Dunkelheit, die beruhigt; die Stille, die etwas Wunderbares ist; die tiefen Freundschaften, die sich in den Bergen bilden; das Sein, das auf ein Minimum reduziert ist, man kommt mit einem Rucksack aus; das Freiwerden im Denken, wenn man geht; das Glücksgefühl, das einen auf dem Gipfel überkommt, weil man es aus eigener Kraft geschafft hat, ich habe schon oft auf dem Gipfel vor Glück geweint.“ Seit einem Unfall weiß die erfahrene Bergsteigerin aber auch, wie schnell das Vergnügen in einer Katastrophe enden kann. „Vor 32 Jahren fiel ich in eine Gletscherspalte. Mein Bruder rettete mich.“ Damals erkannte sie: „Wir Menschen sind sehr klein, und die Natur ist sehr groß. Sie ist der Chef. Wir haben uns an sie anzupassen, nicht sie an uns.“

Adlergefühl ergriff sie

Eva Schneider (58) aus Bludenz erinnert sich, dass sie als Kind mit ihrem Vater – er war im Vorstand des Alpenvereins Vorarlberg – wandern musste. „Später bin ich dann auf einmal freiwillig in die Berge gegangen.“ Ihr Vorbild war ihre Cousine. „Die hat 4000er bezwungen.“ Den höchsten Berg, den die Rechtsanwältin bestiegen hat, ist der Piz Buin. Ihren Urlaub verbringt sie dort, wo es Berge gibt. Sie war unter anderem schon im Himalaya und in der Mongolei. Jetzt im Sommer macht sie eine Trekkingtour in Peru. Sie hält sich mit Biken, mit Besuchen im Fitnessstudio und mit Skitouren fit. Wenn Eva in den Bergen unterwegs ist, genießt sie es, dass sie von der Zivilisation weg ist. Manchmal überkommt sie dann das „Adlergefühl“. Zum ersten Mal ergriff sie dieses Feeling am Amatschonjoch in Brand. „Zwei Adler flogen über mich hinweg. Ich spürte ihren Flügelschlag. Auf einmal fühlte ich mich mit der ganzen Schöpfung verbunden.“ Die Berge haben sie aber auch schon das Fürchten gelehrt. „Einmal überquerte ich ein pickelhartes Eisfeld. Mir war klar, dass ich abstürze, wenn ich das Gleichgewicht verliere. Am nächsten Tag habe ich mir Steigeisen gekauft.“ Eva, die kurzzeitig Obfrau des Alpenvereins Vorarlberg war (bis dahin war noch nie eine Frau an der Spitze des Alpinclubs gestanden), ist sich bewusst, dass eine gute Ausrüstung die Sicherheit in den Bergen erhöht. „Aber man muss sich auch selbst richtig einschätzen können.“

Bergsüchtig geworden

Berge können eine Herausforderung sein. Das war Lucia Studer (39) aus Blons schon als Kind klar, denn ihr Vater ist der Extrembergsteiger Theo Fritsche. Mit zehn begann sie im Klettergarten zu klettern. „Das faszinierte mich. Aber sonst hatte ich keine Bergerfahrung.“ Später schlugen dann aber doch noch die Bergsteigergene bei ihr durch. Zu ihrem 30. Geburtstag schenkte ihr ihr Mann eine Kletterausrüstung. „Wir sind dann mit unseren vier Kindern klettern und wandern gegangen.“ Lucia wurde – wie sie sagt – bergsüchtig. Zuerst bestieg sie die heimischen Berge. „Von Berg zu Berg bekommst du mehr Mut und Sicherheit und steckst dir höhere Ziele.“ Sie absolvierte beim Alpenverein Kletter-, Eis- und Gletscherkurse und nahm dann Berge wie den Elbrus (5642 m) in Angriff. Im Rahmen einer Trekkingtour um den Achttausender Dhaulagiri  im Himalaya bezwang sie 6000er. „Auf dem Gipfel fühlst du dich total frei. Im Tal hast du dieses Gefühl von Freiheit nicht.“ Nachsatz: „Damit man so hohe Gipfel schafft, braucht es eine längere Vorbereitungsszeit. Du musst gut trainiert und auch mental stark sein.“ Die Berge flößen der Softwareentwicklerin, die als eine der ersten Frauen im Großen Walsertal der Bergrettung beitrat, großen Respekt ein. „Der ist auch wichtig, damit du Gefahren richtig einschätzen kannst.“ Die brenzligste Situation erlebte Lucia am Dhaulagiri. „Wir gerieten auf einer Höhe von 4800 Metern in einen Schneesturm. Wir sahen den Weg nicht mehr und mussten biwakieren. Es bestand die Gefahr, dass wir erfrieren. Aber dann kam Hilfe von unten. Mit dem Licht einer Taschenlampe schafften wir es ins Tal.“  

Frauenmuseum Hittisau: Eine Ausstellung vermittelt bis zum 26. Oktober umfassend das Thema „Frauen und Berg“.