Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Antrieb: Hass

Vorarlberg / 27.07.2016 • 18:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Eröffnung der Bregenzer Festspiele ist kein Thema, das Aggressionen auslöst – könnte man meinen. Doch alles, was derzeit gewählte Volksvertreter(innen) auch immer tun, löst bei einer Gruppe von Menschen ungezügelten Zorn aus. In Vorarlbergs größtem digitalen Briefkasten plusterten sich umgehend selbstgerechte Möchtegerne auf: Über die Kosten der Feier, über Dienstautos, über Politiker insgesamt und was es sonst noch an Dauererregern gibt. Der Anlass kann feierlich, banal, versöhnlich, kontrovers oder noch so harmlos sein, die anonymen Schreiberlinge müssen ihren abgestandenen Senf dazugeben, ihre geistlosen und menschenverachtenden Kommentare öffentlich absondern.

Die fortschreitende Verrohung der Sprache und die eingerissenen Zäune ziviler Anständigkeit sind allemal die Vorläufer der Wahnsinnstaten derer, die sich mit der hassvollen Beschimpfung nicht mehr zufriedengeben.

Auf der Internetseite „Eau de Strache“ hat eine private Initiative über tausend Postings auf Facebook-Accounts der FPÖ zusammengestellt. Beim Lesen dieser Auszüge könnte einem schlecht werden. Aufrufe zur Gewalt sind hier alltäglich und werden kaum mehr als solche wahrgenommen. Ein Raimund B. postete beispielsweise ungestraft „Gebt dem schwein eine kugel“ (so geschrieben) und meinte den damaligen Bundeskanzler Faymann. Besondere Zielscheiben blanken Hasses sind in dieser unsäglichen Sammlung Bundeskanzlerin Angela Merkel, die grüne Parteivorsitzende Eva Glawischnig und die Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Auch in Vorarlberg, so die jüngste VN-Umfrage, gelten die Hassattacken des Cybermobs vornehmlich Grünpolitiker(inne)n.

Die Anhänger des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Trump kannten auf dem Nominierungsparteitag keine andere Form der politischen Auseinandersetzung als bei der Nennung des Namens Hillary Clinton jeweils unisono „Sperrt sie ein“ zu brüllen. So weit sind hier die politischen Sitten schon verkommen. Die europäischen Rechtspopulisten saßen als willfährige Lehrlinge in der Ehrenloge.

Die österreichische Bundesregierung hat vor zwei Wochen eine Kampagne „Gegen Hass im Netz“ beschlossen und damit einem beängstigenden Zustand Augenmerk geschenkt. Ob einige wohlgemeinte Plakate gegen Gehässigkeit und Niedertracht etwas ausrichten werden, bleibt fraglich. Ein paar zusätzliche Strafrichter wären vermutlich wirkungsvoller.

Anlässlich der Eröffnung der Festspiele appellierte Nationalratspräsidentin Doris Bures an die Gäste, die politische Kontroverse durchaus auszutragen, aber ohne Hass und Beleidigung, sondern mit Respekt. Ein kultureller Auftrag an alle Demokraten. Inhalt und Form des öffentlichen Diskurses dürfen nicht den Unzivilisierten überlassen werden!

Aufrufe zur Gewalt sind hier alltäglich und werden kaum mehr als solche wahrgenommen.

meinrad.pichler@vorarlbergernachrichten.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.