Ein maisgelber Käse aus Texas

19.08.2016 • 16:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hildegard Hehle kann ihre Geschichte buchstäblich aus dem Stegreif erzählen. Foto: vn/paulitsch
Hildegard Hehle kann ihre Geschichte buchstäblich aus dem Stegreif erzählen. Foto: vn/paulitsch

70 Jahre Care-Pakete. Hildegard Hehle plaudert aus dem Nähkästchen der Erinnerung.

lochau. In der Nachkriegszeit sicherten Care-Pakete Millionen Menschen in Europa das Überleben. Auch in Vorarlberg waren die Liebesgaben aus Amerika, wie sie von vielen genannt wurden, mehr als willkommen. Mittlerweile sind 70 Jahre ins Land gezogen, doch Hildegard Hehle (82) aus Lochau erinnert sich an diese Zeit, als ob es gestern gewesen wäre. Damals lebte sie mit ihren Eltern und zwei Geschwistern auf einem Bauernhof in Götzis. Weil der die Familie zumindest ernährte, erhielt sie keine Care-Pakete. Damit in Kontakt kam Hildegard Hehle in der Schule.

Getrocknete Kartoffeln

„Die ersten Kisten kamen 1946 über die Schweiz nach Vorarlberg“, erzählt sie. Mehr haben die Kinder nicht gewusst. Sie sagten auch nicht „Care-Paket“ sondern UNRRA-Paket. Dieser Begriff bezeichnete ein Abkommen, laut dem den befreiten Völkern mit Lieferungen von Medikamenten, Nahrungsmitteln und Kleidung geholfen werden sollte. Hildegard Hehle weiß noch genau, was in diesen Kisten war. „Konservendosen mit Fleisch und solche mit Fleisch und Gemüse, gesalzene Butter, Käferbohnen und getrocknete Kartoffeln“, zählt sie auf. Letztere waren aber so gar nicht nach dem Geschmack der Elfjährigen. Auch der maisgelbe, gummiartige Käse aus Texas blieb ihr in lebhafter Erinnerung. Denn davon gab es sehr viel. Lieber als daran denkt die agile Seniorchefin von Hehle-Reisen an die großen, militärgrünen Büchsen zurück, die eines Tages an alle Schülerinnen verteilt wurden. Die eine Hälfte des Behältnisses enthielt harte schwarze Schokolade und getrocknete Südfrüchte, die andere ein Nadelbüchlein aus Stoff. „Wissen Sie, was ein Nadelbüchlein ist?“, fragt Hildegard Hehle.

Für die Mädchen war es jedenfalls etwas ganz Besonderes. Neben Fingerhut, Näh-, Sicherheits- und Stecknadeln enthielt es nämlich auch eine kleine Schere. Etwas, das es nicht mehr gab, weil alles aus Metall für die Waffenproduktion herhalten musste. „Jetzt konnten wir endlich wieder nähen und stopfen.“ Bei diesem Satz legt sich ein feines Lächeln auf das fast alterslose Gesicht. Und noch eine Episode ist Hildegard Hehle im Gedächtnis haften geblieben. Nach dem Begräbnis einer Lehrerin erhielt jeder Schüler am Ausgang zum Friedhof ein kleines Taschentuch geschenkt. Das Mädchen hütete es wie einen Schatz.

Aus Altem Neues gemacht

Wer auf Bekannte oder Verwandte in Amerika verweisen konnte, erhielt auch Kleiderpakete. Die Nachbarn von Hildegard hatten dieses Glück. Sie neidete es ihnen nicht. Aber: „Es war ein Traum, was da geschickt wurde“, berichtet sie von lind- und giftgrünen Wollkostümen, in denen die Schwestern sonntags zur Kirche kamen. Selbst behalf man sich mangels Stoffen mit alten Kleidern, die aufgetrennt und in anderer Form wieder zusammengenäht wurden. Ganz nebenbei entstand daraus ein neuer Trend. Statt ein- war plötzlich mehrfarbig angesagt. „Man entwickelte eine enorme Fantasie beim Herstellen von Dingen, die man brauchte“, merkt Hildegard Hehle an.

Hefte aus der Schweiz

Doch nicht immer ließ sich Fehlendes selbst organisieren. Eines Tages mussten die Schüler alle Bücher und Hefte im Schulhof auf einen Haufen werfen, wo sie samt und sonders verbrannt wurden. „Zu Schulbeginn standen wir mit nichts da“, berichtet Hehle von einem weiteren besonderen Kapitel ihrer Kindheit. Aber wieder kam Hilfe aus der Schweiz, die für das Mädchen immer schon ein Wunderland war. Die Rheintalgemeinden schickten Bücher und je zwei Hefte. „Liebesgaben aus der Schweiz“, nennt es Hildegard Hehle heute. „Allerdings hatten wir Schwierigkeiten mit dem Lesen, weil viel in Schweizerdeutsch drinnen stand“, sagt sie und lacht.

Erste Kisten mit Lebensmitteln kamen 1946 nach Vorarlberg.

Hildegard Hehle

Zeitzeugen zum 70-jährigen Bestehen der Care-Aktion gesucht. Infos: Telefon: 0664/5701183