Jeder einzelne Standort ist gefordert

28.08.2016 • 17:33 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Schullandesrätin Bernadette Mennel nimmt im ausführlichen VN-Interview zu aktuellen Schulthemen Stellung. Foto: VN/Hofmeister
Schullandesrätin Bernadette Mennel nimmt im ausführlichen VN-Interview zu aktuellen Schulthemen Stellung. Foto: VN/Hofmeister

Bernadette Mennel will alles tun, damit sich das Matura-Desaster nicht mehr wiederholt.

Fußach. Mittelfristig hat die Schullandesrätin das Ziel, die Zahl der Risikoschüler zu reduzieren und jene der Spitzenschüler zu erhöhen. Sie appelliert an die Zusammenarbeit aller Betroffenen.

Vorarlberg hat im vergangenen Schuljahr 18 Millionen Euro zusätzlich zu den Bundesmitteln von über 320 Millionen Euro für Bildung ausgegeben. Dennoch hinken wir bei fast allen Leistungsvergleichen hinterher. Warum?

Mennel: Wir haben ein großes Leistungsgefälle. Es gibt Schulen, die bei den Vergleichstestungen sehr gut abgeschnitten haben, aber leider auch zu viele, die unter dem Erwartungswert liegen. Mit aller Kraft und größtmöglicher Intensität müssen wir die Ergebnisse verbessern. Und zwar durch Maßnahmen wie Fallstudien erfolgreicher Schulen, durch Fokussierung auf Lesen, Schreiben und Rechnen in Volksschulen und durch konkrete Maßnahmenkataloge an den jeweiligen Standorten von höheren Schulen. Es müssen alle zusammenarbeiten. Wir brauchen Lehrer mit Haltung, unterstützende Eltern und natürlich auch die Eigenverantwortung des Schülers. Aber jede bildungspolitische Maßnahme, die wir setzen, benötigt entsprechend Zeit, bis sie wirkt.

Was würden Sie im letzten Jahr als Positiva in Ihre Bilanz nehmen?

Mennel: Wir haben wichtige Weichenstellungen vorgenommen. Zum Beispiel die Umsetzung des Talentechecks, die Implementierung der Sekundarstufenausbildung neu an der Pädagogischen Hochschule, den Aufbau einer Projektstruktur für eine Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Wir haben Maßnahmen beim Übergang Schule–Beruf sowie in der dualen Ausbildung gesetzt und die Flüchtlingssituation an den Schulen gut bewältigt.

Positive Maturaergebnisse gehören leider nicht zu den Highlights des letzten Jahres. Jetzt haben Sie eine Taskforce für die Zentralmatura eingesetzt. Was versprechen Sie sich von dieser?

Mennel: Ich sehe diese Arbeitsgruppe vor allem als Plattform für einen Informationsaustausch. Die konkreten pädagogischen Maßnahmen werden aber vor Ort am jeweiligen Standort gemeinsam mit der Schulaufsicht und den Schulen gesetzt.

Welche sonstigen Schwerpunkte wollen Sie für das neue Schuljahr setzen?

Mennel: Die Schwerpunkte werden wir im weiteren Ausbau ganztägiger Schulformen und im Kindergartenbereich setzen sowie in der Weiterentwicklung der Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule. Wir werden zur frühen Sprachförderung das Projekt „Sprache – Bildung – Chancengerechtigkeit“ gemeinsam mit der internationalen Bodenseehochschule durchführen. Das Ziel muss sein, die Zahl der Risikoschüler zu senken und die Zahl der Spitzenschüler zu erhöhen.

Der Bund plant einen großzügigen Ausbau der Ganztagsformen mithilfe von Geldern aus der Bankenabgabe. Was wird für Vorarlberg abfallen?

Mennel: Eine konkrete Verteilung auf die einzelnen Länder liegt derzeit noch nicht vor. Wir erwarten uns aber, dass das Stück des Kuchens für Vorarlberg entsprechend groß ausfällt.

Thema Frühpädagogik: Was versprechen Sie sich durch die nun gesetzlich abgesicherte Möglichkeit des Informationsaustausches zwischen Kindergartenpädagogen und Volksschullehrern?

Mennel: Dieser Informationsaustausch hat sich in Vorarlberg bereits bewährt. Nun soll er auf gesetzlicher Grundlage weitergeführt werden. Für die Volksschullehrerinnen und Volksschullehrer ist es wichtig zu wissen, wo das Kind steht, wo seine Stärken liegen und in welchen Bereichen es noch unterstützt werden muss.

Sind Sie in der Volksschule für die Trennung von nicht Deutsch sprechenden Kindern von jenen, die Deutsch können?

Mennel: Ich bin für Sprachförderung so früh wie möglich und so intensiv wie möglich auf allen Ebenen unseres Bildungsbogens. Eine grundsätzliche Trennung der Kinder in der Volksschule halte ich für nicht zielführend, wohl aber eine intensive Sprachförderung auch mit zusätzlichen Förderkursen für Kinder mit Defiziten in der Schulsprache Deutsch. Auch die Angebote in der Fort- und Weiterbildung der Pädagogen werden wir erweitern.

Viel diskutiert werden derzeit auch die geplanten Bildungsdirektionen in den jeweiligen Bundesländern. Bis wann soll diese Verwaltungsreform vollzogen werden?

Mennel: Der Ministerwechsel hat zu einer Unterbrechung weiterer Verhandlungen geführt. Ursprünglich vorgesehen waren verschiedene Stufen des Inkrafttretens. Geplant war die Umsetzung bis 2018. Ob das haltbar ist, kann ich derzeit nicht beurteilen.

Wie finden Sie die vorgesehenen Mischkompetenzen von Land und Bund bei den Bildungsdirektionen?

Mennel: Die Mischkompetenz in der vorgesehenen Form gibt es rechtlich noch nicht. Das muss erst geschaffen werden. Für mich wäre eine klare Landeskompetenz zweckmäßiger und sinnvoller. Ich könnte mir den Großteil im Bildungsbereich zumindest in der Vollziehung des Landes vorstellen – gerade im Hinblick auf Bürgernähe und Effizienz. Entsprechende Verhandlungen mit den anderen Bundesländern und dem Bund laufen noch.

Das Forschungsprojekt für eine Schule der Zehn- bis 14-Jährigen gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen der Vorarlberger Bildungspolitik. Spüren Sie dafür Rückenwind?

Mennel: Ich habe große Unterstützung aus den Arbeitsgruppen, in denen mehr als 50 Fachleute aus den verschiedenen Bereichen und Schulen arbeiten. In diesen Arbeitsgruppen wird die Weiterentwicklung professionell vorbereitet. Ich konnte auch bundesweit gute Gespräche führen. Wir machen Schritt für Schritt.

Wie beurteilen Sie die ersten Aktivitäten der neuen Bildungsministerin?

Mennel: Frau Ministerin Hammerschmid ist eine offene Persönlichkeit und setzt stark auf den Ausbau der ganztägigen Schulformen. Das kann ich absolut unterstützen.

Was wäre für Sie die schönste Erfolgsmeldung nach Ende des kommenden Schuljahres?

Mennel: Als schönsten Erfolg sähe ich es, wenn neben guten Ergebnissen in den Bildungsstandardtests und der Zentralmatura zwischen Lehrern, Schülern und Eltern ein Klima der gegenseitigen Wertschätzung, des Vertrauens und des Optimismus herrscht.

Volksschulen brauchen den Fokus auf Rechnen, Schreiben, Lesen.

Bernadette Mennel