„Vorarlberg verwandelt sich langsam in ein Waffenlager“

Vorarlberg / 30.08.2016 • 22:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Westlichstes Bundesland hat zweitstärksten Zuwachs an Waf­fen­besitzern.

Schwarzach. Im Zeitraum vom 1. Jänner bis zum 30. Juni 2015 stellten Vorarlbergs Bezirkshauptmannschaften insgesamt 102 Waffenbesitzkarten aus. Im Vergleichszeitraum des heurigen Jahres waren es 613, also fast genau sechs Mal so viele. Eine Steigerung gab es auch bei den wesentlich schwieriger zu bekommenden Waffenpässen, nämlich von 18 auf 29.

Waffenbesitzkarten oder Pässe sind jedoch nur für Waffen der Kategorie B (etwa Pistolen oder Revolver) erforderlich. Langwaffen wie Jagd- oder Sportgewehre müssen beim Kauf lediglich registriert werden. Im Jänner waren österreichweit rund 372.000 Waffen der Kategorie B registriert, im Juni stieg die Zahl auf 387.000. Den stärksten Zuwachs gab es in der Steiermark (plus 13,5 Prozent), dicht gefolgt von Vorarlberg (plus 12,6 Prozent).

„Gutachtentourismus“

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), das für die Verlässlichkeitsprüfung bei den Antragstellern zuständig ist, spricht von „Gutachtentourismus“. Der wird auch dadurch gefördert, dass negative psychologische Gutachten für eine Waffenbesitzkarte nie bei der Behörde aufscheinen. Die Behörde, die den Waffenbesitz erlaubt, wird nicht verständigt, wenn jemand bei dem psychologischen Test durchfällt. Jeder Antragsteller kann somit beliebig oft ein Gutachten einholen – bis er es schafft. „Bei einem Führerschein sind die Regelungen strenger“, sagt der KfV-Leiter in Vorarlberg, Martin Pfanner.

Die Beweggründe

Der durchschnittliche Antragsteller für die Waffenverlässlichkeitsprüfung beim KfV ist männlich, hat einen Lehrabschluss und Kinder, ist berufstätig und lebt in einer Wohnung. „Die Hälfte der Menschen gibt bei der Überprüfung an, Sportschütze zu sein“, erklärt Psychologe Rainer Kastner.

Der zweithäufigste Grund sei der Selbstschutz. Kastner vermutet, dass jedoch in den meisten Fällen die Selbstverteidigung der Hauptgrund ist. „Viele glauben, dass sie das nicht sagen dürfen.“ Die Waffenverkäufe haben im vergangenen Sommer mit der Flüchtlingswelle zugenommen.

„Auch das sinkende Vertrauen in den Staat ist ein Grund, warum mehr Menschen eine Waffe wollen“, sagt Pfanner. Auch wenn die Kriminalität seit Jahren rückläufig ist. „Fast keine dieser Waffen kommt wirklich einmal für die Selbstverteidigung zum Einsatz.“ Vorarlberg verwandle sich langsam in ein Waffenlager, das der Scheinsicherheit diene.

Sinkendes Vertrauen in den Staat ist ein Grund, warum mehr Menschen eine Waffe wollen.

Martin Pfanner, KFV
Faustfeuerwaffen fallen in die Kategorie B und erfordern eine Verlässlichkeitsprüfung durch Psychologen des Kuratioriums für Verkehrssicherheit.
Faustfeuerwaffen fallen in die Kategorie B und erfordern eine Verlässlichkeitsprüfung durch Psychologen des Kuratioriums für Verkehrssicherheit.