Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Ohnebergs Berg

Vorarlberg / 31.08.2016 • 20:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Eine hochmoderne Seilbahnverbindung mit allen technischen Raffinessen – von Dornbirn direkt in den Bregenzerwald. „Spannend“ ist alles, was Landeshauptmann Markus Wallner und Grünen-Landesrat Johannes Rauch schmallippig sagen. Die beiden Politiker wissen, wie heikel es ist, Berge auszuhöhlen und Lifte dort zu bauen, wo vorher keine waren. Und sie wissen, dass ihnen die Industriellenvereinigung das Heft des Handelns längst aus der Hand genommen hat.

 

Keine Frage, die in den Raum gestellte Idee der Wälderbahn hat Fantasie – und zum Vorstellen des Projekts braucht der Bürger praktischerweise gar nicht mehr so viel Fantasie. Denn die Industriellenvereinigung war so freundlich, die Idee auf dem Silbertablett mit eigener Homepage, eigenem Film und eigenen Kontaktkanälen
zu präsentieren.

Doppelmayr-Gondeln, die im Produktvideo perfekt animiert von Bersbuch auf das Hochälpele schweben, dort die – ausgehöhlte – Bergspitze passieren, um wenig später an der Karren-Station umzukoppeln und dann über der Ach an die Sägerbrücke zu gondeln. Jene Sägerbrücke übrigens, die aufgrund einer Kunstinstallation den Flugbetrieb ins Krankenhaus vorerst beendet hat, soll zusätzlich mit einer Seilbahnstation über der Straße aufgerüstet werden. Jeder kann die Animationen, Zeichnungen und Landkarten betrachten – alles schon fixfertig eingezeichnet.

Die Industriellenvereinigung bedient sich dabei einer lange vorbereiteten Inszenierung. Bewusst werden Wort­hülsen geschaffen, die es dann kritiklos in alle Lokalmedien schaffen: „Leuchtturmprojekt“, „Weltneuheit“, „Innovation“. Die Kommunikation läuft möglichst direkt: eigene Projekthomepage, eigenes Diskussionsforum, das man selbst freischalten kann. Fertige Videobeiträge, damit liefert man die Bilder fürs Lokal-TV. Stolz werden per Newsletter bereits am nächsten Morgen den Mitgliedern die Pressereaktionen unter die Nase gerieben. Das ist nicht verwerflich. Man muss nur wissen, dass das hochprofessionell ist. Und dass dies Teil einer geschickten Kampagne von IV-Präsident Martin Ohneberg ist.

Die gemeinnützigen Planer von Kairos in die Gondel zu holen, war wohl als geschickter Schachzug gedacht – denn Kairos berät seit Jahren die Vorarlberger Landesregierung, Städte (unter anderem auch Dornbirn) und Regionen in Vorarlberg in Energie-, Lebensraum- und Fragen der nachhaltigen Entwicklung. Als Feigenblatt für den Naturschutz taugt das alles nicht.

 

Mellau–Damüls wird von vielen, denen die Natur in Vorarlberg am Herzen liegt, nicht zu Unrecht als Dammbruch bezeichnet. Wenn am Arlberg im Sommer massiv aufgerüstet wird, gibt es praktisch keine gegenläufige Meinung. Bei Bauprojekten im Naturschutzgebiet Rheindelta sind es nur lokale Aktivisten, die dem Betreiber des Projekts lästig tun.

Die grundlegende Frage aber lautet: Wie viel Natur opfern wir für vermeintlichen Fortschritt? Und wo, bitte, sind die Naturschützer, die sich auch mal kritisch äußern – wenn die Grünen in der Regierung sind und nicht mehr öffentlich diskutieren wollen?

Zum konkreten Projekt möchte ich festhalten: Natürlich sind die Vorarlberger stolz auf die technischen Höchstleistungen der heimischen Wirtschaft. Und klarerweise müssen auch Visionen auf den Tisch. Nur möchte ich die Verkehrsprobleme Vorarlbergs von einer Interessenvereinigung gelöst haben? Initialzündung: klar, gerne. Antreiben der Politik: ja, bitte. Aber Projekte entwickeln, die die eigenen Mitglieder in Stellung bringen?

 

Natürlich wären wir in der Lage, unter allen Vorarlberger Alphütten industrielle Käsereien mit Bertsch-Kesseln zu vergraben. Natürlich würden wir es technisch schaffen, im Rheindelta am Bodensee doch noch ein Containerterminal mit Liebherr-Hafenkranen und Gebrüder-Weiss-Containern aufzustellen. Und die legendär nicht gebaute Tunnelverbindung ins Kleinwalsertal wäre für die Firma Rhomberg ein Klacks.

Die Frage ist nicht, ob wir das können. Die Frage ist, ob wir das auch wollen. Und das muss transparent diskutiert werden. Nicht unter Aufsicht eines mächtigen Interessenverbandes, einer Lobby-Gruppe der zweifelsohne wichtigen Vorarlberger Industrie.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.