Ein Mantel aus Amerika

Vorarlberg / 16.09.2016 • 18:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Seiner Familie waren CARE-Pakete eine große Hilfe. Nun ist Bernhard Tschol CARE als treuer Spender verbunden. Foto: stiplovsek
Seiner Familie waren CARE-Pakete eine große Hilfe. Nun ist Bernhard Tschol CARE als treuer Spender verbunden. Foto: stiplovsek

CARE-Pakete enthielten so manche Überraschung. Ausstellung „70 Jahre CARE-Paket“.

dornbirn. (VN-mm) Montag ist eigentlich Jasstag. Waltraud Kaufmann (75) hält das schon seit Jahren so. Kommende Woche macht sie jedoch eine Ausnahme. Statt Karten zu klopfen, will die Dornbirnerin bei der Eröffnung der Ausstellung „70 Jahre CARE-Paket“ im Landhaus dabei sein. Denn ihre Familie gehörte zu jenen, die in den Nachkriegsjahren von dieser Hilfsaktion profitierten. Die Erinnerung daran ist bei ihr nach wie vor lebendig. Ebenso wie bei Bernhard Tschol (74) aus Hörbranz. „Die Ankunft eines CARE-Pakets war immer ein großes Familienfest und mehr als Weihnachten, wo es für fünf Personen nur eine Orange gab“, erzählt er. Das alles ist lange her. Doch Bernhard Tschol hat den Wert dieser Hilfe nicht vergessen. Deshalb unterstützt er nun seinerseits schon seit Langem die Hilfsprojekte von CARE.

Besonderes Geschenk

Die Schicksale von damals gleichen sich. Sie handeln von Frauen und Kindern, denen der Krieg den Ernährer, Vater und Ehemann nahm, und die ein Dasein unter schwierigsten Bedingungen fristeten. „Der Hunger war groß“, erinnert sich Bernhard Tschol. Deshalb gab es statt Brot zum Essen oft nur Wasser. Es sollte den Magen füllen. Auch an Kleidung mangelte es hinten und vorne. So hat die Mutter eben aus alten Wehrmachtsmänteln dieses und jenes zusammengeschneidert.

„Als besonders bedürftige Familie kamen wir zum Glück gelegentlich in den Genuss eines CARE-Pakets“, führt Bernhard Tschol weiter aus. Es sei ihnen eine große Hilfe gewesen, merkt er immer noch dankbar an. Jedes Paket bedeutete ein besonderes Geschenk. Entsprechend feierlich gestaltete sich das Öffnen, das die Mutter stets in Anwesenheit der Kinder zelebrierte. „Wir waren natürlich heiß auf den Inhalt“, merkt Bernhard Tschol mit einem Lachen an. Zucker, Reis, Mehl, Milchpulver, gesalzene Butter, rosaroter Käse in großen Dosen: Alles kam gelegen, vor allem der Früchtekuchen.

Spiegeleier aus Eipulver

Die Mutter von Waltraud Kaufmann musste sechs Kinder satt bekommen. Der Vater wurde nach dem Krieg für tot erklärt. Die Mutter heiratete zwar noch einmal, doch der schmale Verdienst des Stiefvaters reichte kaum, um die Familie zu ernähren. „Deshalb haben wir wohl CARE-Pakete erhalten“, vermutet Waltraud Kaufmann im Rückblick. Die Kinder freuten sich vor allem über das Eipulver. Mit Wasser angerührt ließ sich daraus nämlich eine Art Spiegelei zaubern. „Das haben wir heiß geliebt und hätten es wohl jeden Tag gegessen“, hängt sie ihren Gedanken an diese Zeit nach. Auch der braune Teddyplüschmantel aus einem Kleiderpaket ist ihr im Gedächtnis geblieben. Er hatte zwar Knopflöcher, aber keine Knöpfe, sondern nur Sicherheitsnadeln. „Typisch amerikanisch“, habe die Mutter gemeint und Knöpfe angenäht. Die Tochter trug ihn danach voller Stolz, konnte sie in der Schule doch als Einzige sagen: „Ich habe einen Mantel aus Amerika.“

Wir Kinder freuten uns vor allem über das Eipulver.

Waltraud Kaufmann

Ausstellung: Montag, 19. September, 18 Uhr, Landhaus Bregenz, Zeitzeugen sind herzlich eingeladen.