„Reden wir darüber, wie wir uns vor uns selbst schützen“

Vorarlberg / 09.10.2016 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Reden wir darüber, wie wir uns vor uns selbst schützen“

„Globalisierung könnte großartig sein, wäre da nicht unser A…verhalten“, sagt Düringer.

Schwarzach. Der Kabarettist und Schauspieler Roland Düringer, der sich im Selbstversuch in die 70er-Jahre zurückversetzte und in den Wohnwagen mit Trockenklo zog, ist Referent im Rahmen der Verleihung des VN-Klimaschutzpreises und nimmt kein Blatt vor den Mund: „Die Frage ist, was die Ressourcen-, Energie- und Agrarwende einleiten wird: unser Denken, unser Plappern oder unser Handeln? Die Antwort kann sich jeder selbst geben.“

Was haben Natur- und Klimaschutz mit Wissen, Bewusstsein und Lebensweise zu tun?

Düringer: Überschätzen wir uns nicht. Das Klima schützen, die Natur, das Leben schützen. Wir Menschen schützen das Klima? Das Klima braucht niemand zu schützen, schon gar nicht wir. Das ist ja gerade so, als ob die befruchtete Eizelle der Mutter erklären möchte, wie man einen Apfelstrudel richtig macht. Ist das nicht ein Zeichen von menschlicher Hybris? Ich denke, ein wenig Demut wäre angebracht. Also sprechen wir doch darüber, wie wir uns vor uns selbst schützen können. Nicht der Planet ist das Opfer, letztendlich ist es unsere Spezies. Nennen wir die Dinge beim Namen und stiften wir einen Selbstschutzpreis.

Was sind die Voraussetzungen für eine Ressourcen-, Energie- und Agrarwende? Wer läutet sie ein, wer setzt sie um?

Düringer: Was sind die Voraussetzungen, um zum Arzt zu gehen? Letztendlich wird es der Schmerz sein. Die westliche Industriegesellschaft ist chronisch krank, und wir tragen diese ansteckende Krankheit in die Welt hinaus. Wenn es ein wenig zwickt, werden Symptome behandelt. Was es braucht, ist eine Entzündung, ein Fieber, das uns letztendlich heilt. Wer wird das einleiten? Die Frage ist: Was wird es einleiten? Unser Denken, unser Plappern oder unser Handeln? Die Antwort kann sich jeder selbst geben.

Was ist die Ursache des globalen Desasters bzw. wo ist Globalisierung falsch gelaufen? Was braucht’s für eine ethische und ökologisch-soziale Entwicklung, die Ökonomie, Ökologie und Lebensqualität halbwegs in Einklang bringt?

Düringer: Verwechseln wir bitte nicht Voraussetzung und Ursache. Voraussetzung für alles, was wir tun, ist die Möglichkeit unserer Spezies, sich durch unser Denken eine Realität, eine Wirklichkeit zu konstruieren. Wir haben als einzige Spezies die Möglichkeit, uns Möglichkeiten zu schaffen. Wenn man diese Möglichkeit hat, dann nützt man sie auch und schafft damit wieder neue Voraussetzungen. Und das ist gut, es ist eine Gnade und ein Geschenk. Globalisierung könnte etwas Großartiges sein, wäre da nicht unser Arschlochverhalten. Das Handeln aus Eigennutz auf Kosten anderer. Und damit sind wir bei der Ursache. Der Neandertaler in uns, der sich eine hochkomplexe Welt geschaffen hat, in der er sich aber immer mehr und mehr verirrt und trotz aller Möglichkeiten agiert wie ein Raubaffe. Damit meine ich nicht die anderen. Damit meine ich auch mich selbst. Zu glauben, beim Klimaschutzpreis mitzumachen und deshalb ein besserer Mensch zu sein als die anderen, wäre Selbstbetrug. Man ist nicht wertvoller, wenn man weniger schlecht ist und auf all jene mit dem Finger zeigt, die in der eigenen Wahrnehmung schlechter sind als man selbst. Weniger Schaden ist noch immer ein Schaden und kein Nutzen. Und so fliegen wir in Scharen mit dem Flugzeug zum Weltklimagipfel.

„Die Politik ist nicht die Hoffnung. Die Hoffnung und die Lösung sind wir selbst – jeder Einzelne von uns“, sagt mein geschätzter Kollege Jean Ziegler. Aber auch Roland Düringer mit dem Vorstoß: „Wir machen Politik!“ Was ist das realistische Ziel und was soll in Bewegung kommen?

Düringer: Mein Ziel ist überschaubar und nicht hochgesteckt. Unter dem Motto: „Wir sollten die Anliegen der Parteien endlich nicht mehr ernst nehmen“ möchte ich bundesweit 2600 Unterstützungserklärungen sammeln, um allen Parteiverdrossenen, Nicht-, Weiß- und Protestwählern die Möglichkeit zu geben, gegen das Handeln aus Eigennutz auf Kosten anderer innerhalb unseres Parteiensystems bei der nächsten Nationalratswahl die Liste ,G!LT‘ anzukreuzen und damit vielleicht ein Fieber zur Selbstheilung zu entzünden. 2600 Unterstützer, das ist realistisch. Alles andere ist Wunschdenken.

Unsere chronisch kranke westliche Industriegesellschaft trägt die ansteckende Krankheit in die Welt.

ROLAND DÜRINGER