„Ich will nur, dass es endlich aufhört“

Vorarlberg / 01.11.2016 • 18:17 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Bei Verdacht auf Drogenmissbrauch muss ein Schüler beim Konsumieren und/oder Handeln von illegalen Drogen erwischt werden.
Bei Verdacht auf Drogenmissbrauch muss ein Schüler beim Konsumieren und/oder Handeln von illegalen Drogen erwischt werden.

AHS-Schüler zu Drogentests genötigt. Wie Beteiligte den Fall aus ihrer Position sehen.

Heidi Rinke-Jarosch

schwarzach. Eine AHS in Vorarlberg. Ein bunter Haufen junger Menschen. Einer von ihnen ist der 16-jährige Karl (Name geändert). Karl hat neulich seinen Eltern mitgeteilt, er wolle die Schule verlassen. Er halte den Druck dort nicht mehr aus.

Betroffener Schüler

„Ich musste zur ‚Fähre‘, einen Drogentest machen und drei Mal zur Beratung hingehen“, berichtet der Jugendliche. Vor den Sommerferien sei das gewesen. Nicht nur er sei zu diesen Maßnahmen genötigt worden, sondern auch neun weitere Schulkameraden.

Begonnen hat alles im Mai dieses Jahres. Ein Psychologielehrer, der als sogenannter Social Networker an dieser AHS agiert, soll den zehn Schülerinnen und Schülern befohlen haben, die Drogenberatungsstelle „Die Fähre“ aufzusuchen und dort Drogentests zu machen sowie Beratungstermine wahrzunehmen. „Er drohte uns mit der Polizei, wenn wir nicht kooperieren“, sagt Karl.

Der Lehrer soll die Maßnahmen gegen die zehn Schüler aufgrund einer Liste angeordnet haben, welche die Mutter eines Mitschülers, bei dem mittels Drogentest Cannabis-Konsum nachgewiesen wurde, der Schulleitung ausgehändigt habe. Auf dieser Liste stünden die Namen jener Schüler, die mit ihrem Sohn auch privat Umgang hatten. Auch Karls Name stand darauf.

Wie die anderen neun Schüler ließ auch Karl Beratungen und Drogentest über sich ergehen. Alle zehn Ergebnisse seien negativ gewesen. In der Folge hätte die Angelegenheit als erledigt betrachtet werden sollen. Doch dem war offenbar nicht so. Der Social Networker habe angedroht, in diesem Schuljahr bei den zehn Jugendlichen „Überraschungsdrogentests“ durchführen zu lassen. Da beschloss Karl, nicht mehr zur Schule zu gehen, und er erzählte alles seinen Eltern. Er will nur eines: „dass es endlich aufhört!“

Die Mutter

„Ich war zutiefst betroffen, als ich davon erfuhr, fünf Monate später“, sagte Karls Mutter zu den VN. Empört seien sie und ihr Mann jedoch darüber, dass sie als Eltern seitens der Schule nicht in Kenntnis gesetzt wurden. In der Tat hatten es Schulleiter und Social Networker verabsäumt, die Eltern der noch minderjährigen Schüler zu verständigen und deren Einwilligung für die geforderten Maßnahmen einzuholen. Auch der Schularzt wurde nicht involviert. Beides wäre Vorschrift.

„Unfassbar“ ist für Karls Mutter zudem, „dass ausgerechnet ein Psychologielehrer Schüler einem derartigen emotionalen Stress aussetzt.“

Der Social Networker

Der Psychologielehrer bzw. Social Networker rechtfertigt seine Handlungsweise mit der Aussage, dass Verdacht auf Drogenkonsum bestand. Er sei sehr wohl im Recht gewesen, so etwas anzuordnen, meinte er zu den VN. Dass er die Eltern nicht informiert habe, verteidigt er so: „Ich gebe den Jugendlichen ein paar Tage Zeit und informiere erst dann die Eltern.“ Dass im gegenwärtigen Fall fünf Monate vergangen waren, begründet er damit, die Ferien seien dazwischen gewesen. Der Lehrer bestätigt indes, Überraschungsdrogentests für dieses Schuljahr angekündigt zu haben. Er tue das aus psychologischer Perspektive, um entsprechendes Lernverhalten zu erzielen.

Der Schuldirektor

„Wir lassen die Eltern nicht außen vor“, betont der AHS-Direktor. „Um die Souveränität der Jugendlichen zu wahren, geben wir den Schülern die Möglichkeit, zuerst selbst mit ihren Eltern zu sprechen.“ Allerdings komme es vor, dass Schüler und Eltern ein schwieriges Verhältnis hätten. Dieses Problem betreffend haben sich laut Direktor drei Schüler dagegen gewehrt, die Eltern zu informieren. Wann die Erziehungsberechtigten informiert würden, sei eine Frage des Zeitpunkts. Nach fünf Monaten, Herr Direktor? Da räumt er ein, es sei ein Fehler gewesen, die Angelegenheit nicht vor den Sommerferien abgeschlossen zu haben. Auf die Frage, warum der Schularzt nicht involviert wurde, antwortete er: „Der Schularzt hat nur eine geringe Stundenanzahl an unserer Schule.“

Was die vom Social Networker angedrohten Überraschungsdrogentests betrifft, versicherte der Direktor, solche werde es nicht geben: „Wir werden in diesem Fall nichts mehr unternehmen.“

Der Kinder- und Jugendanwalt

„Es gibt einen klar beschriebenen Handlungsleitfaden für die Schule, mit dem Ziel, zu helfen und nicht zu diskriminieren“, sagte der Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch und weist auf den Leitfaden des Bildungsministeriums „Helfen statt strafen“ hin. Wichtig sei auch, dass ein durch Tatsachen erhärteter Verdacht eines Suchtgiftmissbrauchs  vorliegen sollte. „Ein Schüler soll nicht leichtfertig dem Verdacht ausgesetzt werden, er missbrauche Suchtgift.“ Verschwiegenheitspflichten seien laut Rauch ebenso zu beachten wie der Einbezug von Eltern.

Der SUPRO-Leiter

Andreas Prenn, Leiter von SUPRO (Werkstatt für Suchtprophylaxe), schätzt die Handlungsweise des Social Networkers und der Schulleitung weder rechtlich noch pädagogisch als richtig ein: „Laut § 13 des Suchtmittelgesetzes muss ein begründeter Verdacht des Drogenmissbrauchs im Schulbereich vorhanden sein, um eine schulärztliche Untersuchung und gegebenenfalls in der Folge „gesundheitsbezogene Maßnahmen“ wie Drogenberatung und Drogentests anzuordnen.“ Ein „begründeter Verdacht“ ist jedenfalls, „wenn ein Schüler dabei erwischt wird, wie er im Schulbereich Drogen konsumiert.“ Eine Liste, die Namen von möglichen Drogenkonsumenten enthält, gelte nicht als „begründeter Verdacht“.

Dass die Eltern der betroffenen Schüler nicht in Kenntnis gesetzt wurden, bevor die Maßnahmen ergriffen wurden, sei rechtlich – aber auch pädagogisch – auf keinen Fall vertretbar. „Die Erziehungsberechtigten müssten in jedem Fall vom Verdacht und vor einer eventuellen schulärztlichen Untersuchung informiert werden, so lange die Schüler minderjährig, also unter 18 Jahre alt, sind.“

Was die vom Social Networker angedrohten Überraschungsdrogentests betrifft, stellt Prenn klar: „Das darf er nicht tun. Dazu ist er rechtlich in keiner Form berechtigt.“ Die ganze Handlungsweise des Social Networkers zeige ein vollkommen falsches Verständnis von Prävention und pädagogischer Grundhaltung. „Eine solche Aktion kann sogar rechtliche Konsequenzen für den Social Networker zur Folge haben.“

Prenn machte auch deutlich, es sei sehr wichtig, dass die Schule hinschaut und pädagogisch und rechtlich adäquat handelt. „Voraussetzung für ein gelingendes Vorgehen ist jedoch eine entsprechende Haltung im Kollegium.“

Die Schullandesrätin

Auch Schullandesrätin Bernadette Mennel bezieht sich auf § 13 des Suchtmittelgesetzes, laut dem es einen klaren Ablaufplan gibt, wie bei Verdacht auf Drogenkonsum in der Schulpraxis vorzugehen ist. Bei Vorliegen bestimmter Verdachtsmomente, dass ein Schüler Drogen missbraucht, sei von der Schulleitung eine Untersuchung durch den Schularzt anzuordnen. Mennel: „Die Eltern sind ebenfalls darüber zu informieren.“

Ein Schüler soll nicht leichtfertig dem Verdacht ausgesetzt werden, er missbrauche Suchtgift.

Michael Rauch

Eine solche Aktion kann sogar rechtliche Konsequenzen für den Social Networker haben.

Andreas Prenn

“Helfen statt strafen“, Anleitung vom Bildungsministerium zum Suchtmittelgesetz in der Praxis,
www.bmb.gv.at/schulen/unterricht/ba/Drogen_6260.pdf