Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Der Pate

Vorarlberg / 02.11.2016 • 19:20 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Kaum jubelte die Meldung durch den Äther, kam schon der Anruf von Frau Ammann: Bob Dylan, Literaturnobelpreisträger; ein Seufzer im Telefon, endlich, ich seufze zurück. Frau Ammann hatte sich schon vor Jahrzehnten ein Dylan-Bootleg vom Manchester-Konzert 1966 reingezogen und fortan den Saum aller Mäntel geküsst, die er je getragen hatte. Vom Folkbarden zur scharfen Politklinge, zum Lyriker, der bei Rimbaud und Verlaine gestöbert hat, über Country in die Jesus-Phase bis hin zum unantastbaren Rockpoeten. Egal welcher Mantel es war, das Innenfutter war stets dasselbe geblieben: unbestechlich, rastlos, treffsicher.

In seiner ganzen Karriere war er umgeben von einer Wolke aus Missverständnissen (oft von ihm selbst befeuert), seine Metamorphosen kamen überraschend wie der Lauf eines Tornados, aus dem Nichts, und so verschwanden sie wieder, um schon im nächsten Acker zu pflügen.

Unvergessen wie sich Dylan damals beim Newport Festival 1965 vor den schockierten Augen seiner Jünger gehäutet hatte, dreist von der Klampfe zur Stratocaster wechselte, von unplugged zum Stromrock. Im ominösen Manchester-Konzert, ein Jahr später, schrie ein verstörter Fan gar „Judas“ auf die Bühne. Dylan blieb cool: „ Ich glaub´ dir nicht, Lügner“, dann drehte er sich zu seiner verkabelten Rockband und bellte: „Play it fucking loud, Guys!“ Das saß. Frau Ammann war am Haken. Ich auch.

Die Lust zum Affront ist ihm geblieben. Du kriegst ihn in keine verdammte Schublade, das macht ihn so souverän, sagt sie. Und jetzt noch der Ritterschlag. Natürlich rümpfen Puristen die Nase, und Philip Roth hätte den Preis genauso verdient, aber die Akademie erlaubte es sich zu Recht, die Trumpisierung seiner Heimat zu konterkarieren, indem sie einen poetischen Geist adelte, der Millionen berührt.

Dylan hat die gehetzte Seele Amerikas in die Welt getragen, auf den Schwingen seiner Wortkunst, das hat viele zur Literatur gebracht, allein dafür gebührt ihm der Preis. Bernstein ehrte die Beatles als die Schuberts des Jahrhunderts, die Akademie hievte nun den Paten der Rock-Dichter aufs Podium. Aber „Danke“ hätte er zeitiger sagen können, sagt sie, nicht so verspätet, das hat mich gewurmt, bei allem Respekt. Dann wäre er halt nicht der Dylan, sage ich. Auch ein Genie darf Manieren haben, sagt sie. Immer hat sie das letzte Wort.

In seiner ganzen Karriere war er umgeben von einer Wolke aus Missverständnissen.

reinhold.bilgeri@vorarlbergernachrichten.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.