„Bäuerlich-ökologische Land- und Forstwirtschaft bedeutet Zukunft“

Vorarlberg / 13.11.2016 • 18:39 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Karl Buchgrabers feurige Rede: „Selber sinnvoll aktiv werden.“  Foto: VD
Karl Buchgrabers feurige Rede: „Selber sinnvoll aktiv werden.“ Foto: VD

Nur sie schaffe wieder gesundes Vertrauen zwischen Produzenten und Konsumenten.

St. Arbogast. „Ein Land ohne leistungsfähige eigene Produktivität ist erpressbar und arm“, machte Univ. Doz. Dr. Karl Buchgraber von der BOKU Wien und Leiter der HBLFA Gumpenstein unmissverständlich klar und rief in Erinnerung, dass die Sonne die Basis für unsere Energie und unser Leben ist, mit dem Wasser, der Erde, der Atmosphäre, mit der Photosynthese. Bei der 7. Konferenz der gentechnikfreien Regionen am Bodensee, veranstaltet von der Bodensee Akademie, waren sich die Teilnehmer einig, dass im alpenländischen Raum, also Österreich, Schweiz, Liechtenstein und Süddeutschland, keine Agrarindustrie nötig ist. Europa bzw. die EU müsse das Vorsorgeprinzip rechtssicher verankern, die Gentechnik- und Pestizidfreiheit somit gewährleisten. „Österreich braucht eine bäuerliche, ökologische, produktive Land- und Forstwirtschaft und dadurch eine vertrauensvolle Allianz zwischen Konsumenten und Produzenten“, verwies Buchgraber auf die Naturkreislaufwirtschaft in der Produktion, auf die Kultivierung des Ernährungshandwerks in Sachen Veredelung und Verarbeitung, auf faire regionale Vermarktung und den bewussten Konsum der Verbraucher.

Unabhängigkeit anstreben

„Wir waren bereits auf Null, was eigenes Saatgut anbelangt, heute haben wir es wieder auf 60 Prozent geschafft“, freut sich Karl Buchgraber, „gesunde Ernährungssicherheit kommt ausschließlich vom Bauern um die Ecke. Wir müssen Unabhängigkeit anstreben und unseren eigenen Weg beschreiten. Wasser und Nahrungsmittel werden in Zukunft heiß umkämpft sein. Die Spekulation mit dem Essen ist eine Katastrophe. Wir müssen uns auf uns selbst besinnen. Nach 20 Jahren harter Überzeugungsarbeit haben wir heute doch wieder eine starke regionale Gemeinschaft und sind uns bewusst, dass wir Leben und Lebensweise selbst in die Hand nehmen müssen: fruchtbare Böden für Ernährungssouveränität durch bäuerlich-ökologische Betriebe, die mit der Natur arbeiten, die Beschäftigung in der Landwirtschaft wieder steigern. Wir verlieren sonst ganze Generationen. Wir brauchen in Österreich keine industrielle Landwirtschaft, sondern kleine Strukturen für gesundes Essen und für Qualität. Auch der Begriff ,konventionell’ ist neu zu definieren bzw. zu unterscheiden: bäuerlich oder industriell.“ Martin Ott von der Landwirtschaftsschule Rheinau wurde noch deutlicher: „Wir haben weltweit zwei Drittel Grasfläche und müssen dringend umstellen auf ackerbaufreie Milchproduktion. Mit dem importierten Soja-Müll wird der Magen der Kuh korrumpiert. Damit muss Schluss sein. Wir müssen wieder umsteigen auf unsere alten, robusten Rassen in artgerechter und natürlicher Haltung. Und: Schluss mit der Überdüngung. Uns wird schwindlig vor lauter Gewässerschutzvorschriften, während in der Landwirtschaft alles zugegüllt wird.“ Der Obmann der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall, Rudolf Bühler, hat mit seiner Bauerngemeinschaft das schwäbisch-hällische Schwein vor dem Aussterben gerettet, auf artgerechte Haltung und regionale Schlachtung umgestellt, auf Veredelung und Direktvermarktung gesetzt und hat damit Erfolg. „Wir leben Partnerschaft mit kleinen Metzgern, Bäckern und Händlern, genießen das Vertrauen der Menschen und erzielen gute Preise. Der Markt ist hier. Es braucht weder Export noch Import von verseuchtem Soja.“

Gesetzeslücken schließen

Ländle-Qualitätsmarketing-Chef Manuel Gohm informiert: „Erst seit 2015 dürfen EU-Mitgliedstaaten auch nationale Anbauverbote verhängen. Zuvor wurde über Verletzung der bestehenden Welthandelsverträge und jene des EU-Binnenmarkts zwischen Kommission, Rat und Parlament gestritten. In Vorarlberg ist die Kennzeichnung gentechnikfreier Produkte eine sichere Alternative zu intransparenten Lebensmitteln. Trotz GVO-Anbauverbots in Österreich gibt es keine Gentechnikfreiheit, so lange die Tiere importiertes, verseuchtes Futter bekommen. Das kann es nicht sein. Eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht gibt es bis dato nicht: eine mehr oder weniger bewusste Gesetzeslücke. Das Ländle-Herkunfts- und Gütesiegel garantiert komplette Gentechnikfreiheit, auch in der Fütterung der Nutztiere, ganz im Sinne der Vorarlberger Bevölkerung. Konsumenten haben ein Informationsrecht, ob Risikotechnologien im Lebensmittel enthalten sind oder nicht. Daher müssen neue Techniken auf diesem Gebiet im Sinne des Vorsorgeprinzips unter die GVO-Gesetzgebungen fallen.“ Der Vorstand der Abteilung Landwirtschaft des Landes Vorarlberg, Günter Osl, ergänzt: „Die Auswirkungen der Gentechnik müssen in ihrer Gesamtheit beleuchtet werden, die weit über die Umwelt- und Gesundheitsrisiken hinausgehen. Das sind etwa soziale Folgen in der Bevölkerung und wirtschaftliche Auswirkungen auf die Regionen, nach dem Motto der Konferenz ,Werte schaffen – Regionen stärken’.“ Veranstalter Ernst Schwald von der Bodensee Akademie erklärt: „Es kommt Sinnvolles in Bewegung, wenn der Einzelne sich als Teil des großen Ganzen erlebt, die Anregungen und den neuen Geist für sich mitnimmt und in seinem Lebensumfeld einbringt.“

Vorsorgeprinzip für garantierte Gentechnikfreiheit.

Manuel Gohm

Mehr Informationen unter
www.bodenseeakademie.at