Ein Plädoyer gegen das seelische Fastfood

Vorarlberg / 09.12.2016 • 18:54 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Der Advent lädt die Menschen ein, über den Horizont des täglichen Trotts hinauszublicken.

Schwarzach. ™ Eben hat er im Straßenbild einen Adventkalender wahrgenommen, hinter dessen Türchen sich die Sonderangebote der lokalen Wirtschaft verbergen. „10. Dezember – jede Hose um zehn Prozent verbilligt“ – so in etwa. Ralph Stoffers graust’s. Natürlich versteht der evangelische Pfarrer von Bregenz den Advent deutlich anders. „Wir fragen nur noch: Wo find’ ich den letzten Glühwein, das günstigste Schnäppchen?“ Fragen sollte man laut Stoffers vielmehr: „Wo ist der Sinn meines Lebens?“ Eigentlich trifft er damit den Nerv der Zeit gar nicht schlecht.

Da ist überall diese ausgeprägte Sehnsucht, beachtet und wahrgenommen zu werden. Stoffers deutet sie auch als verstecktes Motiv „hinter dem Zulauf zu extremen Positionen“. „Im Grunde sind das doch Aufschreie, Hilferufe.“ Von Menschen, die Angst haben, abgehängt zu werden. Von Arbeitern im Hamsterrad, „die ihren täglichen Trott durchleben und keine Idee haben, was dahinter steht“.

Die Sattmacher

Wo also steckt der Sinn meines Lebens? Findet er sich in den Slogans, die von der Werbung im Minutentakt gedroschen werden? Jung, flexibel, schön sei der Mensch? „Das sind doch alles nur scheinbare seelische Sattmacher.“ Stoffers schüttelt den Kopf. Wenn sie wirklich Sinn stifteten, „wenn sie das zu leisten imstande wären, müsste viel mehr Zufriedenheit herrschen auf der Welt“.

Tatsächlich ging es noch nie so vielen Menschen so gut. Der Satz blendet all das Elend nicht aus. Aber vor Beginn der wirtschaftlichen Öffnung 1970 litten etwa in China 98 Prozent der damals 770 Millionen ländlichen Einwohner unter bitterer Armut. Ende 2015 lag der Anteil jener Chinesen, die weniger als 2800 Yuan (rund 380 Euro) zum Leben hatten und damit als arm galten, bei nur mehr sechs Prozent. Noch vor 100 Jahren mussten arme Vorarlberger ihre Kinder alljährlich zu den „Kindermärkten“ nach Oberschwaben schicken, um wenigstens für diese Esser weniger sorgen zu müssen. Ein Zeitreisender aus dem 19. Jahrhundert riebe sich heute verwundert die Augen, stünde er plötzlich in unserem Überfluss. „Erstaunlich ist nur, dass die ganze Entwicklung nicht Wohlstand und Frieden für alle erzeugt hat“, gibt Stoffers zu bedenken.

Die Seele schmücken

Es wird Abend. Der Pfarrer stapft durchs Laub der evangelischen Kirche zu. Heute Abend ist Bach angesagt. Miriam Feuersinger singt Kantaten. Eine davon trägt den Titel „Schmücke Dich, o liebe Seele“. Joachim Franck hat den Text geschrieben, irgendwann gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges. Der war Jurist und Bürgermeister in Brandenburg. Und fand dennoch die Zeit, 110 Lieder zu verfassen. 1724 hat dann Johann Sebastian Bach aus seinem Text eine Kantate komponiert. Sie fordert den Menschen auf, sich bereit zu machen für die Begegnung mit dem Heiland, mit dem Seelenbalsam schlechthin. „Wonach haben die Menschen wirklich Hunger?“ Die Bachkantate nimmt das Stoffers zufolge total ernst.

Das ist kein rührseliger Text, so zwischen Kaffee und Nachtmahl leichthändig dem Papier anvertraut. „Hunger, Krieg, Pest, Kindersterblichkeit, kein elektrisches
Licht . . .“ Unter diesen Bedingungen hat Bach geackert wie ein Pferd. Als Thomas-Kantor in Leipzig unterrichtete er und komponierte für jeden Sonntag und jeden Festtag eine neue Kantate, die er anschließend noch mit dem Chor und den Musikern einstudierte.

Das Wort Burn-out gab es damals noch nicht. Arbeiten bis zur Besinnungslosigkeit sehr wohl. „Und doch hatten die Menschen mehr Ahnung von dem, was die Seele wirklich nährt.“ Die Kantate erzählt beredt davon. Sie rät nicht dazu, die Seele baumeln zu lassen. Das können Werbeprospekte für Wellnessoasen viel besser. „Wir sollen die Seele schmücken“, lautet der Titel. „Aber sind wir überhaupt noch in der Lage, wirklich zu erkennen, was das heißt?“

Das feine Gespinst aus Konsumverlockungen, das uns gefangen hält, hat uns längst vieler natürlicher Rhythmen beraubt. Erdbeeren und Spargel gibt’s das ganze Jahr. Schoko-Nikoläuse langweilen sich ab Oktober in den Regalen. Die Weihnachtsmärkte eröffnen im November. Manchmal gönnt sich Stoffers einen Traum. Die Gegenvorstellung. Darin strömen die Menschen erst dann in den Weihnachtsmarkt, wenn seine Zeit gekommen ist. „Davor aber quellen die Regale über, weil niemand das Zeug kauft.“ Das stell sich mal einer vor: Am „Black Friday“, dem US-amerikanischen Sonderangebotsspektakel, das immer stärker nach Europa herüberschwappt, blieben einfach die Geschäfte leer. Ach ja: Und die „Nimm drei, zahl zwei“-Angebote blieben in so einer utopisch vernünftigen Gesellschaft auch unberücksichtigt, weil die Menschen sich ihrer echten Bedürfnisse wieder bewusst wären. So was träumt Herr Pfarrer. Und wacht keineswegs schweißgebadet auf.

„Wenn ein Mensch unter seelischer Erschöpfung zusammenbricht, was rät man dann? Er soll Ausschau halten nach dem, was seinen Hunger wirklich stillt.“ Der Advent führt hin zu dieser Nahrung von seelischem Nährwert. Er will den Menschen, die sich mit opulenten Käufen den Wunsch nach Anerkennung zu erfüllen suchen, verständlich machen: Du bist ja schon längst geliebt. In die tägliche Gewalt in unserer Umgebung, in die Hartherzigkeit gegenüber dem Nächsten, zu den Menschen, denen das Leben übel mitspielt – genau da will Gott hin. Stoffers: „Die unversöhnliche Zerrissenheit der Welt will Gott überwinden. Unser Job ist es, dafür sensibel und wach zu bleiben, um sein Kommen nicht zu verpassen.“

Der Mensch soll Ausschau halten nach dem, was seinen Hunger wirklich stillt.

Ralf Stoffers

VN-Serie zum Advent

Die Zeit vor Weihnachten wird gemeinhin schon im September sichtbar, sie verdichtet sich bis zum 24. Dezember mittags zu einem eintägigen Allegro furioso. Und ist dann schlagartig zu Ende. Der andere Advent, der eigentlich zuerst da war, ist ganz anders. Er steckt voller stiller Momente, leiser Musik, guter Lektüre. Vielleicht sogar wieder mal Gedichte? Und er ist kein Märchen, es gibt ihn wirklich. In dieser VN-Serie soll er vier Mal zu Wort kommen.